Altkleider

Im „Public Transport“ in Simbabwe saß ich einmal hinter einem Mann in einer dunkelblauen Arbeitsjacke. „Holzbau Xaver Schmidle“ (Name natürlich geändert) stand in gelben Buchstaben auf seinem Rücken. Plus Adresse und Postleitzahl: ein Nachbarort in meiner schwäbischen Heimat. In fast allen afrikanischen Großstädten gibt es Märkte für Altkleider. Buden-Reihen lang sieht man feinsäuberlich aufgehängte Gebrauchtkleidung. Manchmal liegen die Kleidungsstücke auf wasserdichten Planen auf dem Boden, das sind dann „Bück-Boutiquen“. Die Preise sind günstig, die Qualität gut. Für Weiße sind die Preise in Afrika sogar sehr günstig. Nicht nur europäische Ethnologie-Studentinnen haben sich, so konnte ich beobachten, gerne für ein paar Euro mit leichten T-Shirts und grauen Hosen eingedeckt. Professionelle europäische Händler, habe ich gehört, halten nach FC-Bayern-München- und anderen Fan-Shirts Ausschau, die nach dem Re-Import in Europa ein Vielfaches dessen eintragen, was sie in Afrika kosten. „Dead white men’s clothes“ wird Secondhand-Kleidung auch genannt, in Ghana „Obroni wawu“, weil Afrikaner es sich nicht vorstellen konnten, dass jemand zu Lebzeiten so gut erhaltene Kleider weggibt. Die „Reichen“ werfen die Klamotten in die Sammelboxen für die „Armen“, schreibt das Top-Model Alek Wek aus dem Sudan. „So trugen wir häufig seltsame Shirts, die für Manchester United oder für Jimmy’s Rib Joint in Harrison, Kentucky, warben. Wir selbst machten uns keine Gedanken darüber. Die Sachen waren billig und von guter Qualität, und verstehen konnten wir die englischen Aufschriften sowieso kaum.“ (Alek Wek, Nomadenkind, 2007, S. 22.) Alek Wek, die heute gewiss andere Sachen trägt, sieht das also nicht als Problem. Eigentlich kenne ich keinen Afrikaner, keine Afrikanerin, die mit dem Altkleider-Import in afrikanische Länder hadert. Aber in Deutschland wird gefragt, ob die ungeheuren Mengen von Altkleidern nicht Konsequenzen für die Schneider-Zunft in Afrika haben? Ob nicht Arbeitsplätze wegfallen und Existenzgrundlagen vernichtet werden? Gut gemeinte Spenden ins Gegenteil verkehrt werden, wenn der afrikanische Textilmarkt praktisch zerstört wird? Paradoxerweise werden gerade dort diese Fragen gestellt, wo die meisten gut erhaltenen Kleidungsstücke weggeworfen werden: die beste Qualität kommt aus Europa und Kanada. Tatsächlich wundere ich mich immer, wenn ich durch die Fußgängerzonen deutscher Städte gehe, wie viele Bekleidungsgeschäfte es gibt. Die Modewechsel werden immer häufiger, die Nutzungsdauer immer kürzer. Längst ist es eine Binsenweisheit, dass in den Konsumgesellschaften die Dinge nicht mehr ver-, sondern bloß gebraucht werden. In Deutschland wird eine Million Tonnen alter Kleidung (die Ladung von 62.000 LKWs) jedes Jahr in Container oder Sammlungen gegeben, schreibt der Verband „Fairwertung“ auf seiner Webseite. Die städtische Altkleidersammlung München („Ihre Altkleider – Unsere Verantwortung“) beklagt, dass allein hier jährlich rund 10.000 Tonnen Altkleider und Textilien im Restmüll landen. Die meisten Hilfsorganisationen, so auch das Rote Kreuz, verkaufen den Inhalt der Container an Textilverwertungsfirmen. Mit dem Erlös – Vergütung pro Tonne – finanzieren sie ihre Projekte. Der britische „Guardian“ schätzt, dass mit dem Handel von Gebrauchtkleidung weltweit jährlich 3,7 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Rund 55 Prozent eines Container-Inhaltes können wieder getragen werden. Das Sortieren ist aufwändig. Enthalten die Sammlungen zu viel minderwertige Kleidung, ist es für Sortierbetriebe nicht rentabel. Sie weichen in Niedriglohnländer aus (die 62.000 LKWs fahren also noch mehr in der Gegend umher). Nach dem Sortieren gehen die niedrigsten Qualitätsstufen nach Afrika, die beste Qualität geht nach Osteuropa (die allerbeste nehmen sich die Helfer gerne auch mal selbst, wie ein Herr in einem Dorf feststellen konnte, der des Sonntags seinen kürzlich ausrangierten, „gespendeten“ Anzug die Straße hinab spazieren sah). Saugfähige Stoffe werden zu Putzlappen, andere zu Dämmstoffen verarbeitet. Zehn Prozent eines Altkleider-Containers müssen in der Regel entsorgt werden. Zum Verkauf bestimmte Kleidung wird, um Zölle und Steuern zu sparen, nicht selten als Hilfslieferung deklariert. In afrikanischen Ländern kommt die sortierte Kleidung in 50kg-Ballen (in Kisuaheli „Mitumba“) in den Handel: Hosen, T-Shirts, BHs, Winterkleidung… Der Gikomba-Markt in Nairobi ist der größte Umschlagplatz für Altkleider in Ostafrika, in Westafrika der Kantamanto Markt in Accra/Ghana oder Colobane, Dakar/Senegal. In Westafrika sind die Großhändler oft Libanesen. Rund 80 Euro kostet ein Bündel und wird für 100 Euro weiterverkauft. Europa hatte den afrikanischen Textilmarkt tatsächlich praktisch zerstört. Die Hilfslieferungen an Secondhand-Kleidung, die aus Europa ab den 1970er Jahren nach Westafrika geschickt wurden, zersetzten eine florierende Textilwirtschaft vor Ort. Die Textilindustrie erwies sich als nicht wettbewerbsfähig, als es keinen Schutz vor Importen gab. Mitte der 1990er Jahre machte der Internationale Währungsfond Druck, und Afrika öffnete seine Märkte. In Ghana wurden 80 % der Arbeitsplätze in der lokalen Kleidungsproduktion und in Sambia 60 % vernichtet. Die afrikanische Bekleidungsindustrie konnte sich gegen die Billigimporte nicht durchsetzen: die Altkleiderimporte aus Europa und die Polyesterkleiderimporte aus China. Dazu kommt das Desinteresse afrikanischer Regierungen: sie versagen privaten afrikanischen Unternehmen politische Unterstützung und Vertrauen. Mangelnde Konkurrenzfähigkeit gegenüber asiatischen Produzenten und mangelnde Kaufkraft der Bevölkerung werden heute als Hauptprobleme der afrikanischen Textilwirtschaft angesehen, so der Dachverband „Fairwertung“. Auch an der Gebrauchtkleidung hängen in Afrika Arbeitsplätze. Für viele afrikanische Händler, Transporteure, Änderungsschneider sind Altkleider ein lukratives Geschäft. Manche von ihnen wittern in einem möglichen Importverbot gebrauchter Ware aus Europa eine „Verschwörung“: Die afrikanischen Politiker würden mit den Chinesen kooperieren und die europäische Konkurrenz verdrängen. Altkleider aus Europa sind qualitativ besser und halten länger als Neuware aus China. 2001 hat Nigeria den Import von Secondhand-Kleidung verboten. Seither boomt dort die kreative Textilwirtschaft. Nigeria ist eines der zentralen Länder eines im Grunde modeverrückten Kontinents. Denn das müssen die (Alt)Kleider auch sein: modern. Allerdings soll es in China sechzehn Fabriken geben, die Textilien mit eingenähtem „Made in Nigeria“-Etikett herstellen, so Tom Burgis in seinem Buch „Der Fluch des Reichtums“, 2016. Laut Burgis besteht der Markt zu 85 % aus Importen, obwohl die Einfuhr verboten ist. Die Ware käme aus Dubai und werde über Benin nach Nigeria geschmuggelt. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, BMZ, sagt, dass es in Ländern mit Importverbot zu einer Zunahme des Schmuggels mit (Alt)Kleidern komme. Kenia verhängte Ende 2012 ein Importverbot. Ruanda, Tansania und Uganda haben 2018 entschieden, dass sie die Einfuhr von Gebrauchtkleidung mit höheren Zöllen belegen, um ihre verbliebene Textilindustrie zu schützen. Ab 2019 wird der Import ganz untersagt. Ruandas Präsident Kagame betont, Priorität in seinem Land sei, Produkte selbst herzustellen. Es geht um den wirtschaftlichen Aspekt, aber auch um Stolz und Selbstwertgefühl. Bereits zwei Textilfirmen gibt es in Ruanda, zehn weitere sollen folgen. In Lesotho arbeiten Presseberichten zufolge 40.000 Menschen in der Textilbranche, in Mauritius mehr als 70.000. Auch Äthiopien profitiert von der Textilproduktion, allerdings sind es hier meist Chinesen in Sonderwirtschaftszonen. Die großen Ketten orientieren sich nach Afrika, weil die Arbeitsbedingungen in Asien dermaßen schlecht sind, dass ihr Image darunter leidet. Bleibt, dass alle Afrikanerinnen und Afrikaner ihre eigene Produktion wertschätzen müssten. Als ich zum ersten Mal in Benin war, orderte ich in einer kleinen Weberei und Schneiderei zwei traditionelle Hemden und leistete eine tüchtige Anzahlung. Nach vier Wochen, meine Rückreise stand an, waren die zwei Kleidungsstücke noch immer nicht fertig – und man wollte mir für den „Gegenwert“ meiner Anzahlung Polyesterhemden andrehen, Made in China. Ich entschied mich für gebatikte T-Shirts. Wahrscheinlich kamen sie aus Europa.