Armer reicher Kongo

Im Mai 2018 meldet das Kinderhilfswerk UNICEF, dass in der Region Kasai in Kongo (Kongo DRC, die „Demokratische Republik Kongo“) Hunderttausende Kinder dringend Nahrung brauchen. Nach UNICEF sind 770.000 Kinder im Alter bis zu fünf Jahren von Mangelernährung bedroht. 88 Millionen US-Dollar würden für medizinische Hilfe benötigt, aber nur ein Viertel der Summe sei vorhanden. Viele Kinder sterben in den Krankenhäusern.

Kämpfe zwischen dem kongolesischen Militär und einer Miliz 2016 hatten mehr als eine Million Menschen in die Flucht getrieben. Nun treffen Lebensmittelknappheit und schlechte medizinische Versorgung diejenigen, die in ihre Dörfer zurückkehren. Humanitäre Hilfe ist dringend geboten. Dass allerdings der Kongo selbst nicht für Nahrung und Arzneimittel sorgen kann, ist skandalös. Der Staat zählt durch jahrzehntelange allgegenwärtige Korruption, Kriege und Bevölkerungswachstum zu den ärmsten Ländern der Welt – trotz seines sehr großen Rohstoffreichtums (Coltan, Kupfer, Kobalt, Uran, Zinn, Gold, Erdöl, Diamanten, Edelhölzer).

Den Kongo eine Demokratie zu nennen ist einigermaßen verwegen. Der Kongo ist kein effektiver, zentralisierter Staat. Das Land gehört zu den instabilsten Ländern in Afrika. Die Regierung in Kinshasa kann die Gesetze nicht flächendeckend durchsetzen, weder Ordnung noch Infrastruktur schaffen. Ein ehemaliger Minister für den öffentlichen Dienst hat kundgetan, dass es fast die Hälfte der Staatsbediensteten nicht gibt. Dennoch werden ihre Gehälter ausgezahlt. Dem Kongo entgehen wegen politischer Unsicherheit, unmenschlicher Arbeitsbedingungen und der fehlenden internationalen Rechts- und Sicherheitsstandards erhebliche Einnahmen.

Seit der Unabhängigkeit 1960 gab es im Kongo keinen friedlichen Machtwechsel. Zugang zur politischen Macht bedeutet Zugang zu den Ressourcen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt, dass der Familienclan des aktuellen Staatschefs Joseph Kabila Anteile an mindestens 70 Firmen und mehr als 120 Lizenzen zum Abbau von Bodenschätzen hält. Das Vermögen von Joseph Kabila wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. EU und USA haben gegen hochrangige Mitglieder der Regierung Kabila Sanktionen verhängt. Durch die Misswirtschaft und Korruption liegt das derzeitig Bruttoinlandsprodukt unter demjenigen von 1958. Rund zwei Drittel der Kongolesen sind jünger als 25 Jahre. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mindestens 60 Prozent. Allein Deutschland unterstützt das Land jährlich mit durchschnittlich 233 Millionen Euro.

Dabei wäre der Kongo ein Land mit großem Wohlstandspotential. Beispielsweise über die Hälfte des Kobalts auf der Welt kommt aus der Demokratischen Republik Kongo: 66.000 Tonnen von weltweit 123.000 im Jahr 2016. Ohne Kobalt, ein Beiprodukt von Kupfer, gibt es keine Batterien für Computer oder Elektroautos. Kongos Kobalt, gefördert in der Südregion Katanga, geht zu 90 Prozent nach China. Der Abbau wird vom Staat kontrolliert. Und dieser ignoriert, dass der Bergbau in Mutanda, einem Tagebaukomplex in der Nähe der Stadt Kolwezi, die Flüsse verseucht und dass die Lebensbedingungen in den Bergbaustädten Katangas miserabel sind. Das silbrig-graue Metall Kobalt wird hauptsächlich in Lithium-Ionen-Batterien eingesetzt. Kobalt ermöglicht ein schnelles Aufladen von Batterien und schafft gleichzeitig eine hohe Energiedichte. Tesla benötigt für seine neuesten Modelle etwa 12 kg pro Auto. Mobiltelefon-Unternehmen benötigen Kobalt für ihre Batterien. Auch in der Glas- und Keramik-Industrie, bei der Stahlerzeugung, beim Korrosionsschutz, für Katalysatoren, in der Landwirtschaft und in der Medizin ist Kobalt unersetzlich. Die Nachfrage ist weitaus höher als die Liefermöglichkeiten. Experten von Macquarie Research schätzen das Kobalt-Defizit bis 2020 auf über 5.340 Tonnen. Der Preis für eine Tonne hat sich innerhalb von zwei Jahren auf 75.000 USD verdreifacht. Der Grund für das Angebotsdefizit liegt in der DR Kongo. Da unter den 140.000 Arbeitern etwa 40.000 Kinder in den Minen arbeiten, die ohne Rücksicht auf Gesundheit das Produkt manuell aus dem Boden holen, verweigern viele Unternehmen aus ethischen Gründen den Kauf des Metalls aus dem Kongo. Sie weichen auf andere Länder wie China, Kanada, Russland und Australien aus.

Francois-Xavier Maroy Rusengo ist seit 2006 Erzbischof von Bukavu im Osten Kongos. (Er hat schon mehrere Attentate überlebt. Seine drei Vorgänger sind tot.) In einem Interview mit der F.A.Z. (7. Juni 2017, S. 6) zum Krieg um die Bodenschätze im Kongo sagte er: „Die Rohstoffe sind ein großes Unglück…. Wenn die Regierung noch nicht einmal das gesamte Territorium Kongos kontrollieren kann, gibt es natürlich keinen fairen Handel….. Obwohl wir so reich an Rohstoffen sind, sind wir eines der ärmsten Länder der Welt…..Wir haben neun Nachbarländer – deshalb brauchen wir dringend geschützte Grenzen, über die Rebellen nicht ausführen können, was sie wollen…. Es gibt über vierzig verschiedene Gruppen – sie sind alle afrikanisch, sie sind alle schwarz, aber darüber hinaus ist es schwierig, sie genau zu benennen…. Die Rebellen wollen nicht, dass wir in Frieden leben. Denn das widerspricht ihren Interessen.“

Kongo hat mehr als sechs Mal den Namen geändert: Internationale Vereinigung des Kongo, Studienkomitee des Oberen Kongo, Unabhängiger Staat Kongo, Belgischer Kongo, Republik Kongo, Republik Zaïre, Kongo-Léopoldville, Demokratische Republik Kongo, mitunter Kongo-Kinshasa, oder auch Kongo-Zaïre…

Von 1885 bis 1960 war der Kongo belgische Kolonie. König Leopold II. beanspruchte das Land, das so groß wie Westeuropa ist, bis 1908 als Privatbesitz. Nach 1960 gab es nie einen funktionierenden Staat und Vertrauen in staatliche Institutionen oder Parteien. Millionen von Kongolesen starben zwischen 1996 und 2003 bei Bürgerkriegen und Konflikten. Diktator Mobuto Sese Seko regierte 32 Jahre das Land, ehe er 1997 von Laurent-Désiré Kabila gestürzt wurde. Nach Kabilas Ermordung 2001 durch einen Leibwächter übernahm sein damals 29-jähriger Sohn Joseph Kabila das Amt des Präsidenten. Joseph Kabilas reguläre Amtszeit endete laut Verfassung im Dezember 2016. Er weigerte sich jedoch, Neuwahlen anzuberaumen. Er hat eine dritte Amtszeit angestrebt, obwohl die Verfassung das nicht zulässt. Nach wochenlangen blutigen Unruhen wurde unter Leitung der im Kongo sehr einflussreichen katholischen Kirche ein Kompromiss erzielt, nachdem Kabila Ende 2017 sein Präsidentenamt aufgeben sollte. Der Einigung zufolge sollte eine Übergangsregierung eingesetzt werden. Es fehlt offenbar am ernsthaften politischen Willen Kabilas, die Wahlen durchzuführen. Immer wieder wurden sie verschoben und sind jetzt für Dezember 2018 geplant. Als Übergangskandidat wird von der Opposition Dr. Denis Mukwege genannt. Er ist Direktor des Panzi-Krankenhauses in Bukavu. Als Gynäkologe versucht er seit 1999 mit zwölf weiteren Ärzten, vergewaltigte Frauen zu retten. 2014 wurde er mit dem Sacharow Menschenrechtspreis des EU Parlaments ausgezeichnet.

26.555 Kongolesen leben in Belgien und 4.500 Belgier im Kongo. Belgien ist der wichtigste europäische Handelspartner des Kongo. 1.300 Firmen exportieren jährlich Waren im Wert von 428 Millionen Euro in den Kongo. Der Kongo liefert Waren im Wert von 262,1 Millionen nach Belgien. Der belgische König Albert II. hat den Kongo nur einmal, 2010 anlässlich der Feier zum 50jährigen Jubiläum, besucht. Sein Sohn Philippe noch nicht, zumal die Zustimmung der belgischen Regierung derzeit fraglich scheint. Alexander De Croo, Vizepremierminister in Belgien, erklärte Mitte September 2017: „Der Kongo ist kein Staat, sondern ein System zur persönlichen Bereicherung.“