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Weltbevölkerung

Als ich in den 1980er Jahren zur Schule ging, war unsere Erdkundelehrerin erstaunt, wie wenige aus der Klasse das „drängendste Problem unserer Zeit“ als solches wahrnahmen: die Überbevölkerung der Erde. Damals hieß es, ab den 2000er Jahren gäbe es in Bangladesch „nur noch Stehplätze“. Bangladesch hat sein Bevölkerungsproblem in den Griff bekommen: von fünf ist die Fertilitätsrate auf 2,14 Kinder pro Frau gesunken. Das enorme Wachstum – die „Bevölkerungsexplosion“ – hat sich auf Afrika verlagert, eine Frau bekommt hier im Durchschnitt 4,7 Kinder. Afrika – südlich der Sahara – ist mein Spezialgebiet. Jeden Tag nimmt die Weltbevölkerung um 250.000 Menschen zu. Im weltweiten Durchschnitt bekommt eine Frau 2,5 Kinder, in den Industrienationen 1,7 und in den ärmsten Ländern der Welt vier Kinder. Zum einen also weniger Kinder als gewünscht, auf der anderen Seite vielleicht mehr als die Frau sich selbst wünscht. Die Weltbevölkerung beträgt zurzeit etwa 7,6 Milliarden, bis 2050 wird sie nach Rechnung der Demographen auf zehn Milliarden Menschen wachsen. Die ökologischen Folgen sind kaum absehbar, schließlich geht es nicht nur darum, diese Menschen irgendwie durchzufüttern, sie streben ja alle nach einem besseren Lebensstandard – die meisten von ihnen werden in einer „Armutsfalle“ gefangen in Verelendung leben, wie sehr viele es jetzt schon in den Slums afrikanischer Großstädte tun (vgl. Daniela Roth, „Für jedes Volk ein Wartesaal.“ Afrika und seine Megastädte, in: Kursbuch 190, Hamburg 2017). Überbevölkerung, Globalisierung und technischer Fortschritt nehmen eine exponentielle Entwicklung. „Diese drei Faktoren schaukeln sich wechselseitig hoch und sind praktisch nicht mehr zu beherrschen, bis sie zu einem regelrechten Orkan werden.“ (Dirk Roßmann, „…dann bin ich auf den Baum geklettert!“ Von Aufstieg, Mut und Wandel, München 2018, S. 198). Beschleunigung, ein „unheimliches Tempo“ machen Angst.

Nirgends wachsen Bevölkerungen und Armut so schnell wie südlich der Sahara. Seit der Unabhängigkeit in den sechziger Jahren hat sich die afrikanische Bevölkerung vervierfacht. Experten gehen davon aus, dass diese demographische Entwicklung die Hauptursache für den Entwicklungsrückstand ist, noch vor schlechter Regierungsführung, Korruption und Klientelismus. Afrika hat 1,25 Milliarden Einwohner, 40 Prozent sind jünger als 15 Jahre. Nie hat es weltgeschichtlich eine so junge Bevölkerung gegeben wie derzeit in Afrika. Laut einer Prognose der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) wird die Zahl der Jugendlichen in Afrika noch einmal wachsen: von heute 451 Millionen auf rund 726 Millionen im Jahr 2050. Das birgt weiteres Gewaltpotenzial: Gesellschaften mit vielen jungen Männern sind brutalere (und auch albernere) Gesellschaften, denken wir an das deutsche Mittelalter. Wir haben ein Migrationspotenzial in Millionenhöhe. Es wächst nämlich eine Generation heran, die wenig Aussicht darauf hat, dass das Land, in dem sie geboren wurde, sie einmal wird ernähren können. Bevölkerungsanstieg, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind Afrikas größte Probleme. McKinsey schätzt, dass von 2011 bis 2015 nur 21 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden sind. Entstanden ist eine enorme Beschäftigungslücke. Kleine Wohlstandgewinne werden vom Bevölkerungsanstieg aufgefressen. Ein tatsächlicher Fortschritt ist also nur in geringem Maße möglich, weil vom Wirtschaftswachstum pro Kopf der Bevölkerung wenig oder gar nichts übrig bleibt. Europa wirkt wie ein Magnet für die Millionen von potenziellen Immigranten vom afrikanischen Kontinent, die Beschäftigung suchen. Internet und Social Media bieten Schleusern eine Plattform, um junge Menschen mit dem Versprechen anzuwerben, dass es anderswo Jobs und Wohlstand für sie gebe. Aber ohne die richtigen Fertigkeiten ist es auch in Europa oder den USA schwer, Arbeit zu finden.

Ausbildung, Bildung sind die Schlagworte. Die Fertilitätsrate nimmt mit zunehmender Bildung ab. „Bildung ist das beste Verhütungsmittel“, so Reiner Klingholz vom Berlin-Institut (vgl. Daniela Roth, „Afrika in Frauenhand“, Blog-Eintrag vom 2. September 2018). Der kenianische Ökonom James Shikwati weist darauf hin, dass durch technische Neuerungen das Bevölkerungswachstum in afrikanischen Ländern stimuliert wird, gleichzeitig aber der Lebensstandard auf Subsistenzniveau fällt („Die Optimierungsfalle“, in: Kursbuch 171). Afrika müsse das Zeitalter der Aufklärung einläuten. Aufklärung – gesellschaftspolitisch und tatsächlich – ist das Stichwort, dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung etwas entgegenzusetzen. Aufklärung und Verhütung. Ansetzen muss man bei jungen Menschen. Afrikanische Regierungen müssen auch Verantwortung übernehmen. „Hilfe“ darf nicht nur von außen kommen. Wer etwas will, muss etwas dafür tun. Der Afrika-Experte Volker Seitz (Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“) fordert, deutsche Entwicklungshilfe-Gelder an Bevölkerungspolitik zu koppeln. Trotz ungebremster Geburtenzahlen in Afrika ist Bevölkerungspolitik ein großes Tabu. Familienplanung bleibt ein heikles Thema, weil man sich schnell den Vorwurf des Rassismus einhandelt. Zudem gibt es religiöse Vorbehalte, weder die Bibel noch der Koran sagen etwas zugunsten einer Geburtenbeschränkung. Der Zugang zu Gesundheitsvorsorge wie zu Bildung wird von afrikanischen Eliten weder erleichtert noch gefördert. Deshalb schreitet die Reduzierung der Armut in Afrika weltweit am langsamsten voran und macht teilweise Rückschritte. Aber wer möchte, dass Afrika seine Menschen irgendwann selbst ernähren und in Lohn und Arbeit bringen kann, der sollte auch helfen, die dortigen Geburtenraten zu senken. Dirk Roßmann befürwortet, nur noch jenen Ländern zu helfen, die bereit sind, etwas für die eigene Entwicklung zu tun, etwa durch die dringend nötige Senkung der viel zu hohen Geburtenrate. Ohne ein solches Vorgehen werde man „weder die Dramen in Afrika noch die menschlichen Tragödien im Mittelmeer oder die Flüchtlingsströme eindämmen“ (zitiert in: Handelsblatt, 16.10.2018). Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gibt jährlich 100 Millionen Euro in die „Initiative Selbstbestimmte Familienplanung“. Es kommt aber darauf an, dass die Hilfe die Betroffenen auch wirklich erreicht. Wie mit den Jugendlichen umgehen? Die DSW betreibt inzwischen Jugendclubs an den Gesundheitszentren.

Nur wenige afrikanische Regierungen haben bisher in „Eigenverantwortung“ effektive Maßnahmen ergriffen, um die Geburtenrate einzudämmen. Ruanda hat die Ausgaben von Verhütungsmitteln um 60 Prozent gesteigert und gilt ebenso wie Botswana als Erfolgsbeispiel für Familienplanung. Auch Äthiopien könnte zum Vorbild für andere afrikanische Staaten werden. Mit Investitionen in die Kernbereiche Wirtschaft, Gesundheit inklusive Familienplanung und Bildung sind die Geburtenziffern deutlicher gesunken als sonst irgendwo in Afrika (in Addis Abeba sind sie besonders stark gesunken, nicht zuletzt aufgrund des Engagements der DSW). Bessere Perspektiven für die Menschen bedeuten laut dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung automatisch kleinere Familien. Die asiatischen Tigerstaaten haben es vorgemacht. Im Kongo dagegen liegt die Fruchtbarkeitsrate immer noch bei 5,9 Geburten je Frau, in Nigeria bei 5,6. Besonders hohe Werte haben Sahel-Länder wie Mali, Tschad oder der bettelarmen Niger: hier liegt die Geburtenrate bei rund 7,5 Kindern pro Frau. Bedenklich ist, dass es immer noch afrikanische Politiker gibt, die sich für eine Zunahme der Geburten einsetzen. Tansanias Präsident John Magufuli („der Bulldozer“) hat Anfang September 2018 Frauen aufgefordert, auf Verhütungsmittel zu verzichten, denn das Land brauche mehr Menschen. (Tansania hat eine Bevölkerung von rund 53 Millionen Menschen, von denen 49 % mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen.) Nur Faulpelze seien für Geburtenkontrolle, sagte er. „Sie wollen nicht hart arbeiten, um ihre große Familie zu ernähren.“ Er habe in Europa die Folgen der Geburtenkontrolle gesehen, sagte Magufuli. „In einigen Ländern kämpfen sie mit Bevölkerungsschwund und Arbeitskräftemangel.“ Ob es Magufuli entgangen ist, dass der Wohlstand in Europa viel höher ist?

Um den Wohlstand pro Kopf zu steigern, ist – da Armut und Bevölkerungswachstum zusammenhängen – Geburtenkontrolle das „nächstliegende Rezept“ (Stephen Smith, „Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent“, Berlin 2018, S. 182). Vermutlich geht es aber nicht bloß um Wohlstand, sondern schlicht um den Fortbestand der Erde. Kants moralischer Imperativ, von dem Denker der Umweltbewegung Hans Jonas in einen „ökologischen Imperativ“ umgeleitet, lässt sich auch auf die Weltbevölkerung beziehen: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Auch das kann eine Perspektive eines selbstbestimmten Lebens sein. Renate Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung ist der Ansicht, dass das Weltbevölkerungswachstum nicht zu stoppen ist. Der Schwerpunkt muss ihrer Meinung nach so gelegt werden, dass Kinder geboren werden, die erwünscht sind, die gesund sind und die eine Perspektive im Leben haben (ARD, Weltbevölkerungsbericht, 17.10.2018). Raffen Naturkatastrophen, Seuchen oder Kriege dereinst einmal viele Menschen dahin (was nach meiner Meinung wahrscheinlich ist), haben diese Menschen zumindest ein glücklicheres Leben gehabt. Laut einem UN-Bericht sind fast 20 Millionen Schwangerschaften pro Jahr in Afrika ungewollt. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte am 28. November 2017 in der Universität von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso: „Es gibt in Afrika viele Familien mit sieben, acht oder neun Kindern pro Frau. Sind Sie sicher, dass dies jedes Mal die Entscheidung der jungen Frauen war? Ich will, dass ein junges Mädchen darüber entscheiden darf, ob sie mit 13 oder 14 Jahren heiratet und Kinder bekommt.“

Zu wenig Aufklärung, zu wenig Zugang zu Verhütungsmitteln, zu frühe Schwangerschaften: manche afrikanische Frau wird mit 12, 13 Jahren zwangsverheiratet und bekommt in dem Alter bereits Kinder. Was tun? „Moderne Helden sind Menschen, die etwas vorleben und sich für etwas einsetzen“, so Dirk Roßmann (der mit der DSW v.a. in Kenia, Tansania, Uganda und Äthiopien tätig ist). Intellektuelle, Vorbilder, „Idole“ können etwas bewirken. Afrikanische Künstlerinnen und Künstler könnten sich zum Thema äußern. Romuald Hazoumè aus Benin thematisiert in seiner Arbeit „Exit Ball“ Fußball – und Überbevölkerung. Jonathan Franzen schreibt in seinem Roman „Freiheit“ über die Grenzen des Wachstums und eine „Überbevölkerungsinitiative“. Farouk Jega, Direktor des Nigeria-Büros der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, sagte in einem Interview mit der Deutschen Welle am 21. September 2018, aufgeklärte Nigerianer diskutierten bereits über die Nachteile von Kinderehen und das verbreitete Stereotyp, dass viele Kinder ein Garant für die Altersversorgung seien. In agrarisch geprägten Gesellschaften wird das Gut, Kinder zu haben, besonders hoch gewertet, ohne darauf zu schauen, wie man sie dann auch tatsächlich ernähren kann und wie Arbeitsplätze geschaffen werden können. Es ist ein langer Prozess, Bewusstsein und Verhalten von Menschen zu verändern. Die besonders von Armut Betroffenen müssen von sich aus erkennen, dass „hohe Fertilitätsraten“ ein Problem sind. Im eingangs genannten Bangladesch hat es Kampagnen zur Sensibilisierung gegeben: „Eine weniger zahlreiche Familie ist eine glückliche Familie.“

Afrika in Frauenhand

Ohne Frauen bricht die Wirtschaft Afrikas wie ein Kartenhaus zusammen. Wer in Afrika hart arbeitet, sind die Frauen. „Die gewöhnlichen Leiden und Leistungen der Millionen von fleißigen Bäuerinnen, Händlerinnen und Erzieherinnen, die unter unsagbar schweren Lebensumständen Tag für Tag beschäftigt sind, ihre Familien durchzubringen, bleiben im Dunkeln“, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Rainer Tetzlaff (Afrika. Einführung in Geschichte, Politik und Gesellschaft, Wiesbaden 2018, S. 3). Tetzlaff nennt es eine „prekär gewordene Überlebensökonomie“. Frauen meistern den täglichen Überlebenskampf. Die Landwirtschaft ist weitgehend in Frauenhand. Nur 10-15% des Landes in Afrika gehören Frauen, stellte der African Gender Equality Index der African Development Bank fest. Der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Etounga-Manguell sagt, Frauen haben zu schweigen, sie produzieren den Großteil der Nahrung, haben aber kaum Zugang zu landwirtschaftlicher Ausbildung, zu technischer Hilfeleistung, zu Bankkonten, zu Kredit, zu Eigentum, usw. Etounga-Manguelle nennt die Frauen „das missachtete Rückgrat unserer Gesellschaft“ (zit. nach Tetzlaff, a.a.O., S. 51). Unter den Ländern mit der größten Geschlechterkluft sind 15 afrikanische Staaten. Nach dem „Global Women’s Progress“ wird man als Frau besser nicht geboren in: Tschad, Mali, Kongo (DRC), Niger, Äthiopien, Sudan. Die Kriterien: Zugang zu Bildung, gesundheitliche Aspekte, Gleichberechtigung, Teilhabe an politischen Ämtern und Wirtschaft. Im Tschad und in Niger können Mädchen bereits zwischen zehn und zwölf Jahren verheiratet werden (Volker Seitz, Afrika wird armregiert, München 2018, S. 218). Bildung, gerecht bezahlte Arbeit und mehr Rechte brauchen die Frauen in Afrika. (In Deutschland war das ja vor gar nicht langer Zeit nicht anders.)

80 Prozent der Nahrung werden in Afrika unbezahlt – für den Eigenbedarf – von Frauen produziert. Wenn diese Frauen vom Feld zurückkommen, sammeln sie Feuerholz, gehen weite Wege, um Wasser zu holen, kochen Essen, fegen Haus und Hof und erziehen die Kinder. Weltbankstudien belegen, dass Frauen im ländlichen Senegal, in Mosambik und Uganda im Durchschnitt 16 Stunden in der Woche allein mit Wasserholen verbringen.

Verbildlichen kann man sich das mit Fotografien von Angèle Etoundi Essamba aus der Serie „Women in Action“, 2009-2017 in verschiedenen afrikanischen Ländern aufgenommen. Angèle Etoundi Essamba wurde 1962 in Douala, Kamerun, geboren. Aufgewachsen ist sie in Yaoundé und Paris: Mit zehn Jahren ist sie mit ihrer Familie nach Frankreich emigriert. Heute lebt sie in den Niederlanden, in Amsterdam. Sie erwarb ein Fotografie-Diplom in Holland, in der „Fotovakschool“, und stellt auf allen Kontinenten aus. Essamba klagt an: Drei bis vier Stunden pro Tag sind Frauen und Mädchen damit beschäftigt, Wasser zu holen. 2,2 Milliarden Menschen weltweit haben kein sauberes Trinkwasser. 2,5 Milliarden keine adäquaten sanitären Anlagen. Essamba zeigt Frauen, die am Brunnen Wasser schöpfen, Kanister transportieren, mit dem Fahrrad, auf dem Kopf… Ihr Statement: Frauen in Führungspositionen, und wir würden nicht über den Zugang zu Wasser diskutieren.

Frauen tragen Maniok/Cassava in Schüsseln auf dem Kopf (Bildbeispiele). Aus den Wurzelknollen wird Maniok-Mehl hergestellt, daraus dann ein Kloßteig, beispielsweise für „Fufu“ in Kamerun. Diese Beilage – in anderen Ländern ähnlich aus Mais hergestellt – ist ein Hauptnahrungsmittel. Frauen tragen Feuerholz auf dem Kopf (Bildbeispiele). Studien zeigen, dass Frauen südlich der Sahara mehr auf ihren Köpfen transportieren, als im gleichen Zeitraum in Fahrzeugen transportiert wird. Nur manchmal verfügen sie über einfachste Gerätschaften wie Schubkarren… (Gleichwohl ist das Transportwesen z.B. in Nigeria oder in Kamerun in der Hand von Frauen.) Der anstrengende Feuchtreisanbau in Westafrika ist reine Frauensache. Die Palmöl-Gewinnung in Bafia, Kamerun (Bildbeispiele): Sortieren der Palmfrüchte per Hand. Das Zerstampfen der Palmkerne mit den Füßen. Das Kochen / Raffinieren der Palmkerne. Feldarbeit mit bloßen Händen und mit der Machete. Im lac rose, einem „rosafarbenen“ See beim Dorf Sangalkam, 35 km von Dakar, Senegal, wird Salz abgebaut. Rosa, statt blau, wurde der See in den vergangenen 40 Jahren durch eine winzige Alge, die das im Salz enthaltene Eisen oxidiert. 24.000 Tonnen Salz werden aus dem lac rose jährlich extrahiert. Transportiert auf Pirogen – und dann in den typisch bunten Plastikschüsseln auf den Köpfen der Frauen. Frauen tragen die schweren Salz-Schüsseln, zu sehen sind ihre Oberarmmuskeln, sie schütten die kristallenen Salzkörner zu Hügeln auf (Bildbeispiele). Fischerei, Camberene, Senegal. Kayar ist eine kleine Küstenstadt 58 km von Dakar an der Grande-Côte. Zusammenarbeit von Fischern, Trägern, HändlerInnen. Frauen bereiten den Fisch zu, räuchern ihn beispielsweise, verkaufen das Produkt. Fischerinnen in Sansibar – eine Ausnahme. Les pêcheuses d’huitres (Austern), im Pfahldorf (cité lacustre) Ganvié, Benin. Hier ist, wie meist, die Fisch-Fischerei den Männern vorbehalten. Die Frauen fischen Austern. (Auch dazu und im Folgenden schöne Bildbeispiele von Angèle Essamba, die aus bildrechtlichen Gründen in diesem Text nicht publiziert werden dürfen.)

Minen: Bauarbeiten in der Kipushi Mine Kongo DRC. Eine sehr traurige Tatsache: Die Frauen graben mit nackten Händen nach den Mineralien, aus denen Kobalt gewonnen werden kann. Kongo ist einer der Hauptlieferanten weltweit. Sie stehen mit nackten Füßen im radioaktiv verseuchten Wasser. Die Frauen arbeiten gemeinsam. Schwere Arbeit – aber immer in einer Ästhetik gezeigt. Bedeutung der Ressourcen für Afrika; aber Rahmenbedingungen müssten stimmen! Vor nicht langer Zeit hätten Frauen, die in einer Mine arbeiten, als Hexen gegolten, so Thérèse Lukenge, Province du Katanga, Kongo. Sie selbst, Lukenge, sei zu der Zeit Ministerin für die Minen gewesen – und der Zutritt sei ihr verboten gewesen. Heute sind Frauen ähnlich berechtigt in der Minenarbeit wie Männer. Sie haben sich der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Legende widersetzt. Übrigens gab es früher auch im Ruhrgebiet den Aberglauben, dass Frauen unter Tage Unglück bringen.

Frauen arbeiten zumeist im „informellen Sektor“. 80% der Frauen in Afrika verdienen so ihr Geld, sie backen und verkaufen beispielsweise süße Küchlein, Obst, Kochbananen. Mit zunehmender Urbanisierung erweitern sich die Erwerbsmöglichkeiten für Frauen im informellen Sektor. Also Kleingewerbe, Dienstleistungsbereich. Viele – ungebildete – Mädchen und Frauen aus ländlichen Gebieten arbeiten als Haushaltshilfen in städtischen Familien (die sie ihr Gefälle oft leider deutlich spüren lassen. Und viele Dörflerinnen landen bei der „Stadtflucht“ auch in der Prostitution…).

Energie: Frauen arbeiten als Köhlerinnen. Essamba zeigt Frauen bei der Gewinnung von Holzkohle, dem Sammeln, Schichten der Holzstämme, der Köhlerei (Köhler-Schaufeln, Köhler-Hügel), beim Verpacken der Holzkohle in weite Netze oder Kunststoff-Säcke. Eindrucksvoll ein Porträt-Foto einer Frau vor Kohle. Schwarze Hände, mit denen sie sich ins Gesicht fasst. Schwarzer Hut, schwarze Augenbrauen. Eine Köhlerin – dargestellt wie ein Model. Essamba zeigt die Schönheit der Frauen. Poetisch. Aber auch „dokumentarisch“. Sie ist die wohl bekannteste Fotografin der afrikanischen Frauen. Ihre „Choreographie“ sind zuweilen unglaublich ästhetische Inszenierungen (wie ein Afrika-Paradies, aber die Bildthemen zeigen etwas Gegensätzliches). Ihre Fotografie hat etwas Malerisches. Kernwörter für ihre Arbeit sind: Stolz, Stärke, Bewusstsein. Essambas „Artist Statement“: die eigene Stärke erkennen. Ihre Foto-Serie sei ein Tribut an die Frauen im Schatten, die ohne Anerkennung arbeiten, deren Arbeit oft unterschätzt wird. Die Frauen, die Aufbau und Entwicklung des Kontinents leisten. Bilder eines widerstehenden, widerstandsfähigen und optimistischen Afrika.

Bautätigkeit: Junge Frauen im Bauhandwerk, Addis Abeba, Äthiopien. Frauen mit Schaufeln, Frauen auf dem Baugerüst. Frauen bei der Produktion von Steinen. (Zu dem Thema gibt es ein schönes Buch von Emmanuel Dongala: „Gruppenfoto am Ufer des Flusses“, 2011. Am Ufer des Flusses arbeiten Tag für Tag zehn Steineklopferinnen. Sie zerschlagen große Felsblöcke zu kleinen Schottersteinen, die sie säckeweise an Händler verkaufen. All diese Steineklopferinnen haben „Brüche“ in ihrer Biographie. Durch den Bau eines neuen Flughafens steigt die Nachfrage nach Schottersteinen und die Frauen beschließen, ihre Preise zu verdoppeln….) Frauen als Schreinerinnen in Kongo: Sie bauen Betten, Möbel.

Textil ist eine klassisch weibliche Domäne: Frauen beim Spinnen, Weben, Färben (Fotografien aus Addis Abeba), eine Schneiderin in Togo. Stoffhändlerinnen: Die Märkte in Lomé, der Hauptstadt Togos, werden von den berühmten „Mama Benzes“ (oder „Nana Benzes“) geführt. Diese reichen Händlerinnen in Togo, Ghana oder Nigeria lassen sich im Mercedes von Chauffeuren fahren. (Nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation nennt man die Mama Benzes heutzutage auch Mama Opels, so Binyavanga Wainaina in: „Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben“, Heidelberg 2013.) In Ghana, heißt es, wird niemand Präsident, der nicht das Wohlwollen dieser Marktfrauen hat.

Innovation: Cité lacustre (Pfahldorf) de Ganvié, Benin. Die Wasserhyazinthen, um 1880 auf den afrikanischen Kontinent eingeführt, vermutlich von Missionaren, vermehren sich unbändig und verursachen große Probleme in den „backwaters“, den Lagunen. Sie verstopfen alles, behindern den Fischfang, führen zu Sauerstoffmangel, die Lagunen können „umkippen“. Inzwischen werden die Hyazinthen aber geerntet und verkompostiert. Das leisten die Frauen. Ein Beispiel für  die enorme Kreativität auf dem afrikanischen Kontinent – ein Synergie-Effekt: Das „Recycling“ der Wasserhyazinthen ist ein lukratives Geschäft geworden, z.B. durch das Flechten von Körben. Weitere innovative Beispiele wären: Der Holzkohlepflanzenanbau in Kaolack, Senegal, um der Wüstenbildung entgegenzuwirken. Eukalyptusbäume gegen Versandung in den Sanddünen von Bayakh, Senegal. Mangrovenbäume gegen den ansteigenden Wasserpegel in Anduoko, Benin. Frauen schützen die lokalen Ökosysteme!

Töpferei, Djakotomey, Benin: Ein klassisches Handwerk. Töpfereiwaren für den täglichen Bedarf. Frauen als Automechanikerinnen. Das ist noch eine Ausnahme! Der Dokumentarfilm „Ouga Girls“ (2017) zeigt, wie Mädchen zu Automechanikerinnen ausgebildet werden: was ist denn die Story? Genau das ist die Story: Mädchen werden Automechanikerinnen in Ouagadougou, in Burkina Faso. Bekommen Mädchen die Chance auf eine Ausbildung im formellen Sektor, sind es meist die klassischen Berufe Krankenschwester, Sekretärin, Erzieherin. Meist aber arbeiten Frauen, wie gesagt, im informellen (Wirtschafts)Sektor: also dem Bereich der Reproduktion einer Gesellschaft, der nicht direkt dem kapitalistischen Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit unterworfen ist – der ist in vielen Entwicklungsländern für die Mehrzahl der Menschen existenziell wichtig (Tetzlaff, a.a.O., S. 31). Zum informellen Sektor gehören: Hausfrauenarbeit, agrarische Subsistenzwirtschaft, Haus- und Hofarbeit, als Familienunternehmen geführte Handwerksbetriebe, unbezahlte Frauen- und Erziehungsarbeit, etc.

Mehr Rechte: Noch immer sind ca. 70% der 1,3 Milliarden weltweit in Armut lebenden Menschen Frauen (Tetzlaff, a.a.O., S. 32). Der fehlende Zugang zu Land- und Erbrechten und zu Krediten, sowie das bestehende Ehe- und Familienrecht hemmen die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Frauen. Es fehlt in den meisten afrikanischen Staaten immer noch an einer gleichberechtigten und fairen Teilhabe der Frauen an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungs- und Verteilungsprozessen. Frauen sind in Afrika weitaus produktiver als Männer, und sie sind weniger korruptionsanfällig. Wären sie besser ausgebildet und hätten Eigentum, könnte das einen enormen Entwicklungssprung bedeuten. Der Kampf gegen Armut hängt entscheidend von mehr Gleichberechtigung für Frauen ab. Sie brauchen bessere Chancen vor allem bei Bildung, Ausbildung und Arbeit. Das Ipsos Meinungsforschungsinstitut hat anlässlich der Konferenz „Femmes Africaines“ im Musée Dapper in Paris 2017 afrikanische Frauen befragt, was ihre wichtigsten Anliegen seien: Finanzielle Unabhängigkeit, die Frage der Gleichbehandlung, Ausbildung für Mädchen…. (in dieser Reihenfolge). (Nach Ernährung und Mode sind auch Schönheitspflegemittel den afrikanischen Frauen wichtig…)

Frauen sind zuverlässige Geschäftspartnerinnen bei Mikrokrediten. Sie bringen mehr Opfer, um das Geld zurückzuzahlen, schränken ihren eigenen Konsum ein. Die Ausfallquoten unter den Mikrokreditnehmerinnen sind traditionell gering. Frauen sind verantwortungsbewusster, Männer (in Afrika) nachlässiger… Dennoch sind Frauen mehr als Männer, und insbesondere arme Menschen, von konventionellen Kreditquellen abgeschnitten. Nur etwa 24 % der Erwachsenen in Afrika südlich der Sahara haben ein Bankkonto. In Afrika hat Volker Seitz beobachtet, wie mittels Kleinkrediten die Eigeninitiative mittelloser Menschen auf individueller Ebene in Landwirtschaft, Gesundheit, Bildung und Energie erfolgreich gefördert wurde. Wichtig ist es, jene zu finden, die Geschäfts- und Verantwortungssinn haben, um mit dem Geld etwas aufzubauen. Erfolgreich sind Förderungen immer dann, wenn die Kreditnehmer(innen) sorgfältig ausgewählt und kontrolliert werden. Mikrokredite können ein „Sprungbrett für Mutige“ sein, denen bisher nur das Startkapital fehlte. Mikrokredite sind nützliche Hilfen im Einzelfall, sollten aber nicht als Lösung des Armutsproblems idealisiert werden (Tetzlaff, a.a.O. S. 55).

Historischer Exkurs: Unter Sozialwissenschaftlern gab es eine Debatte über die Frage, ob es nicht im vorkolonialen Afrika Formen von Demokratie gegeben habe. Die These des 1999 verstorbenen tansanischen Staatspräsidenten Julius Nyerere wurde berühmt: Die traditionale afrikanische Gesellschaft, ob sie nun einen Häuptling hatte oder mehrere, sei eine Gesellschaft von Gleichen gewesen und besorgte ihre Angelegenheit durch Diskussion – they talk till they agree (Palaver), der Kerngehalt der afrikanischen Demokratie. Der kenianische Historiker Vincent Simiyu entlarvte das als Illusion: vorkoloniale Gesellschaften seien hierarchische Systeme von Altersklassen gewesen, in welchen Frauen [!] und jüngere Männer vom öffentlichen Palaver ausgeschlossen waren. Die Klasse der älteren und reicheren Männer sei bevorzugt gewesen (Tetzlaff, a.a.O., S. 176). Also ist nach althergebrachter Denkweise der – ältere – Mann der unumstrittene Chef der Familie. Die meisten afrikanischen Gesellschaften sind immer noch patriarchalisch organisiert. Männer hatten und haben mehr Rechte und Privilegien als Frauen.

Die Kolonialzeit hat, nach Ansicht vieler Afrikaner, viel Schlechtes in afrikanische Länder gebracht: unter anderem das Gefälle zwischen Mann und Frau. In den Stammeskulturen habe es zwar eine klare Aufgabenteilung gegeben, aber „die Unterdrückung der Frau kam mit den Kolonialherren, denn diese bevorzugten Knaben und Männer, unterrichteten sie und bezahlten sie für ihre Arbeit“, sagt Jolly Rubagiza, Leiterin der Gender Studies an der University of Rwanda (Barbara Achermann, Stark und selbstbewusst. Businessfrauen in Ruandas Hauptstadt Kigali). In der Kolonialzeit sind die patriarchalischen Vorstellungen einerseits noch verstärkt worden. Die vorhandenen gesellschaftlichen Machtstrukturen wurden durch „kulturellen Begründungsmuster“ gerechtfertigt, wie die „Gender Studies“ sagen. Tatsächlich wurden Männer als Arbeiter auf Plantagen eingesetzt – und als „Boys“ im Haushalt. Das war ursprünglich keine Männerarbeit! Diese Form der „Entmännlichung“ habe „gravierende Folgen für das maskuline Selbstbild“ in afrikanischen Gesellschaften, so die Gender- und Postcolonial-Forschung (zit. nach Tetzlaff, a.a.O., S. 267).

Die nigerianische Autorin Buchi Emecheta (1944-2017) schreibt in „Zwanzig Säcke Muschelgeld“ (1979, deutsch 1991) über die junge Frau Nnu Ego, eine Ibo, die nach Lagos geht, um dort zu heiraten. Ihr Mann Nnaife arbeitet für Weiße, das Ehepaar Dr. Meers und Mrs. Meers. Nnaife steht jeden Morgen um sechs Uhr auf, nach der Uhr, die „die weiße Herrschaft“ ihm geschenkt hat. Er ist für die Wäsche zuständig, und man hat ihm „den prächtigen Titel ‚Nnaife, der Wäscher‘ verliehen“. Dass er allerdings auch die Unterwäsche der weißen Madam wäscht, schmerzt seine Frau Nnu Ego regelrecht. In ihren Augen verliert er dadurch seine Männlichkeit – aber er schwärmt auch noch von der Seidenwäsche und scheint auf seine Arbeit stolz zu sein. Eine Freundin bestätigt: „Die Männer hier sind viel zu sehr Diener ihrer weißen Herren, um noch richtige Männer zu sein. […] Man hat ihnen die Männlichkeit genommen. Es ist nur traurig, dass sie das nicht erkennen. Sie sehen nur das Geld, den Glanz des Geldes der weißen Herren.“ Einerseits habe der weiße Mann Sklaverei für ungesetzlich erklärt, andererseits behandle er die Ibo-Männer wie Sklaven. Die gebrauchte Babykleidung, die ihr die weiße Madam schenkt, nimmt Nnu Ego aber doch an – obwohl in ihrer Tradition nur Sklavinnen gebrauchte Babykleidung nehmen –, weil sie schön weich ist.

Wohlwollende weiße Farmersfrauen und Missionarinnen lebten viktorianische Hausfrauenrollen vor. Es gab Kurse zum Wollsockenstricken und Tischdeckenhäkeln, so die Ethnologin Rita Schäfer. Die schwarzen Frauen und Mädchen verstanden sich aber als landwirtschaftliche Produzentinnen und Versorgerinnen ihrer Familien. Das wird zuweilen definiert als Matriarchat: Im vorkolonialen Afrika habe es „zuhauf“ matrilineare Gesellschaften gegeben. Frauen waren die „verantwortlichen Bodenbewirtschafterinnen in der Landwirtschaft“. Sie erzogen die Kinder und hatten „bei der Regelung der Gemeinschaftsaufgabe führende Rollen“. Der senegalesische Historiker Cheikh Anta Diop (1923-1986) berichtete, dass weibliche Chiefs keine Seltenheit waren. Bei den Berbern und anderen Ethnien im islamisierten Norden hatte das Matriarchat anhaltende Bedeutung (Diop 1959). Cheikh Anta Diop sah sogar im Matriarchat einen „Kernpunkt“ für afrikanische Gesellschaften. Auch die Historikerin Marsha R. Robinson sagt, Gesellschaften des Matriarchats hätten über Jahrhunderte bestanden und seien erst unter dem Einfluss westlicher Weltbilder und „kolonialherrschaftlicher Gender-Konstrukte“ verdrängt und ersetzt worden (Robinson 2010, zit. nach Tetzlaff, a.a.O. S. 268).

Heide Göttner-Abendroth definiert Matriarchat eigenwillig (und politisch) auf der ökonomischen, der sozialen, der politischen und kulturellen Ebene: Matriarchate seien meistens Gartenbau- und Ackerbaugesellschaften, es werde Subsistenzwirtschaft praktiziert, Land und Häuser seien Eigentum des Clans im Sinne von Nutzungsrechten; Privatbesitz und territoriale Ansprüche sind unbekannt (Heide Göttner-Abendroth, Am Anfang die Mütter. Matriarchale Gesellschaft und Politik als Alternative, Stuttgart 2011). Die Frauen halten die wichtigsten Lebensgüter in der Hand, so Göttner-Abenroth: Felder, Häuser, Nahrungsmittel. Die Sippenmutter [!] ist Verwalterin des Clanschatzes und verantwortlich für die gerechte Verteilung und den Schutz aller Clanmitglieder. Das Ideal sei Verteilung und Gegenseitigkeit – eine Ökonomie des Schenkens – und nicht Akkumulation. (Nach Göttern-Abendroth leben wir heute in einer Spätphase des Patriarchats, das es freilich zu überwinden und wieder in ein Matriarchat zu überführen gilt, für eine bessere Gesellschaft).

Im vorkolonialen Afrika gab es unterschiedlichste Formen der Partizipation, der Arbeitsteilung, der Hierarchien, der politischen Teilhabe… In Königreichen etwa bestand für Frauen wenig Möglichkeit der direkten Partizipation. Wohl gab es aber kleinere Einheiten mit Frauenräten und Repräsentantinnen spezieller Fraueninteressen (Gabriele Zdunnek in Mabes Afrika-Lexikon) – also eine Vielfalt.

Ausnahmen waren Kämpferinnen wie die Amazonen: eine Elite-Truppe des Königs von Dahomey im 19. Jahrhundert. In Südafrika kämpfen heute Frauen gegen Wilderer (die „Black Mambas“). In nationalen Befreiungsbewegungen haben Frauen als Kämpferinnen, Trägerinnen, Nachrichtenübermittlerinnen eine tragende Rolle gespielt. Nach Beendigung der Kämpfe sind sie aber wieder in alte Rollenmuster zurück gedrängt worden. Wenn sie als „Busch-Frauen“ unverheiratet mit Kindern wieder in ihre Dörfer oder Stadtviertel zurückkehrten, wurden sie sogar geächtet. Postkoloniale Regierungen von Mosambik, Angola, Sierra Leone, Liberia oder Simbabwe haben fortschrittliche Frauenrechte in ihre Verfassungen aufgenommen. Aber die Lebenswirklichkeit [!] der Frauen, auch der Ex-Kombattantinnen, ist weit von den proklamierten Gleichberechtigungsnormen entfernt. Alte und neue Geschlechter-Hierarchien haben sich im privaten und im öffentlichen Leben wieder etabliert (so z.B. die Ethnologin Rita Schäfer).

Fehlender Respekt und Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen sind in einigen Staaten tief verwurzelt. In afrikanischen Ländern ist doch meist der Mann der Chef im Haus. Nigerias Präsident Muhammadu Buhari antworte während eines gemeinsamen Auftritts mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel 2016 in Berlin auf die Frage eines Journalisten, wo seine Frau politisch steht: Ich weiß nicht, zu welcher politischen Partei meine Frau gehört. Soweit ich weiß, gehört meine Frau in mein Wohnzimmer, in die Küche und in den anderen Raum.

Traditionell werden Frauen wie Eigentum behandelt, sie gehören zum Besitz des väterlichen Haushalts und später zu dem des Ehemannes. Der kongolesische Schriftsteller Emmanuel Dongala beschreibt in dem genannten Roman „Gruppenfoto am Ufer des Flusses“ die traurige Lage afrikanischer Frauen, wenn der Ehemann verstorben ist. Sie wusste, dass alles nur Inszenierung war, um sie um ihr ganzes Vermögen zu bringen. Das Übliche, wenn eine Frau Witwe wird…. Der Onkel ihres Mannes, der die Versammlung leitete, spielte den weisen Patriarchen… Wie viel Geld hatte sein Neffe auf dem Konto hinterlassen? Wann würde das Geschäftsinventar aufgenommen? Und was war mit seinen Anzügen? Und den Schuhen? War Bileko nicht der Meinung, der Moment sei gekommen, einen Teil ihrer vielen kostbaren Tücher und ihres Schmucks an ihre Schwägerinnen und Schwieger-Cousinen zu verteilen? Was ihn als Onkel des Verstorbenen angehe, so beanspruche er für seinen Enkel, Sohn seines ältesten Sohnes, also Neffe des Verstorbenen, nur ein paar wenige Dinge: Er werde sich mit dem Mercedes zufriedengeben… Und er zählte und zählte und zählte die verschiedensten begehrten Gegenstände auf, bis er nichts mehr fand, was er seinem langen Inventar hinzufügen konnte…. und was niemand zur Kenntnis nehmen wollte, war, dass Ma Bileko, trotz ihrer mehr als rudimentären Bildung, keineswegs eine rückständige Dorfbewohnerin war, die man übers Ohr hauen konnte, sondern eine erfahrene Frau. Sie vergaßen, dass sie eine Geschäftsfrau war, die die Welt bereist hatte und es gewohnt war, mit Geschäftsleuten aus Europa, den arabischen Ländern und China zu verhandeln. (S. 44/45)

In den Verfassungen der meisten afrikanischen Länder wird die Gleichstellung der Frau zwar garantiert. Dies hat aber nicht zu mehr Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse und zu einer Verbesserung der Lebensrealität der Masse der Frauen geführt. Verfassungen sind immer dann am nützlichsten, wenn Rechtsregeln tatsächlich eingehalten werden. Wenn eine Frau ihre Rechte in Anspruch nehmen will, wird sie häufig als „unafrikanisch“ betrachtet. Der ugandische „Ethikminister“ Simon Lokodo meinte, dass es natürlich sei, Frauen zu vergewaltigen oder sie zu „disziplinieren“, wenn sie Männer durch ihre Kleidung „irritieren“. In Uganda werden Frauen regelmäßig auf der Straße entkleidet, festgenommen und wegen ihrer Kleidung bestraft. Die ugandische Journalistin Lindsey Kukunda zitiert aus der Tageszeitung „Daily Monitor“ einen Minister, der Frauen riet, ihren Ehemännern Sex nicht zu verweigern, um häusliche Gewalt zu vermeiden. Ein anderer Minister forderte Frauen auf, unterwürfig zu sein, um nicht geschlagen zu werden. Viele Frauen finden es „normal“, dass ihre Ehemänner sexuelle, emotionale und körperliche Gewalt ausüben.

Heute entstehen immer mehr Frauenbewegungen, die sich gegen häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen stark machen. Meist sind die Initiatorinnen im Ausland gewesen, in Europa, sind heimgekehrt, und setzen ihre Erfahrungen um, wie es – modern – zugehen kann. Entsprechende Medienberichte kommen jüngst aus dem Senegal, erstaunlicherweise aber auch aus Äthiopien („Yellow Movement“ an der Universität von Addis Abeba). Die Emanzipationsbewegung hat begonnen.

Entwicklungspolitik: Volker Seitz (Autor von „Afrika wird armregiert“) fragt: Stärkt die deutsche Entwicklungspolitik die Frauen? Deutsche Entwicklungspolitik sollte Frauenförderung nicht nur beschwören, sondern auch praktizieren. Die männlichen Eliten Afrikas lösen die Versprechen gegenüber den Geberländern nur halbherzig, unzureichend oder gar nicht ein. Die Geber sollten darauf drängen, dass den Frauen mehr Möglichkeiten gegeben werden, etwa das Recht auf Bildung: Bildung bietet berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, den Schutz vor Ausbeutung, Emanzipation, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und eine Grundlage zu schaffen für ein besseres Leben. Und wichtig im überbevölkerten Afrika: gebildete Frauen bekommen weniger Kinder. Traditionelle Rollenbilder müssen – auch mit Auflagen durch Entwicklungshilfe – aufgebrochen werden. Die Frauen in Afrika müssen erfahren, welche Rechte sie haben, welche Rechte sie fordern sollten und wie diese politisch durchgesetzt werden können. „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen werden. Sie bekommen nichts“ (Simone de Beauvoir). Hillary Clinton meint: „Wenn alle afrikanischen Frauen, vom Kap bis Kairo, sich entschlössen, eine Woche nicht zu arbeiten, würde die gesamte Wirtschaft des Kontinents wie ein Kartenhaus zusammenfallen.” (Volker Seitz)

Polygamie wird individuell unterschiedlich empfunden. Nur zwei literarische Beispiele: Mariama Ba (1929-1981), Senegal, schreibt in dem mittlerweile klassisch gewordenen „Ein so langer Brief“ (1980, deutsch 2002) das Tagebuch von Ramatoulaye, einer modernen Afrikanerin, die sich als Opfer der überlieferten Polygamie empfindet. Anders Lola Shoneyin aus Nigeria. Sie erzählt in „Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi“ (2010, deutsch 2015) vom „Geheimnis“ in einem polygamen Haushalt in Nigeria… Baba Segi heiratet 1999 als seine vierte Frau eine junge Akademikerin; die anderen drei Frauen sind Analphabetinnen. Die erste Frau, Iya Segi, hat sich von ihrem Ehemann erlauben lassen, einen Handel zu eröffnen. Zuerst einen kleinen Süßigkeiten-Stand, dann einen Beton-Handel, dann einen richtigen Laden und schließlich besitzt sie Läden auf allen großen Märkten. Außerdem hat sie den Führerschein gemacht, auch das hat ihr Mann erlaubt – weil sie vorgab, ihre Kinder zur Schule fahren zu wollen. „Männer sind wie Yams. Man schneidet sie sich zurecht“, verkündet sie.

Frauen praktizieren auch brutale „Traditionen“, wie die Beschneidung oder das Brust-Bügeln. Beim Brust-Bügeln werden die Brüste junger Mädchen mit einem heißen Werkzeug, z.B. einem heißen Stein massiert. Eine sehr schmerzhafte Prozedur, die verhindern soll, dass die Brüste frühzeitig wachsen. Die Mädchen sollen möglichst lange unattraktiv für Männer bleiben. Hinter der Bearbeitung mit dem heißen Werkzeug steht die völlig absurde Annahme, dass dadurch das Fett schmelze. Die Regisseurin Rosine Mbakam thematisiert das Brust-Bügeln in ihrem Dokumentarfilm „Les deux visages d’une femme Bamiléké“, 2016.

32 Länder Afrikas praktizieren keine weibliche Beschneidung. Traurige Berühmtheit für Klitoris-Beschneidung haben Somalia und Äthiopien. Frauen wie Wairs Dirie aus Somalia kämpfen gegen die Genitalverstümmelung. Waris Dirie ist Model, lebt heute in Österreich und und hat das Buch „Wüstenblume“ veröffentlicht. (Das ist m.E. auch der beste Weg, wenn selbst Betroffene die weltweite Aufmerksamkeit auf das Thema ziehen.)

Als Mädchen und Frau zählst du nichts in Afrika. Man kann dich verprügeln, vergewaltigen, genital verstümmeln, kaufen oder verkaufen und dich wegwerfen, wenn man dich nicht mehr will. Du wirst täglich gedemütigt, erniedrigt und gebrochen, lernst das alles hinzunehmen und zu akzeptieren……. Eine große Rolle spielt die Bildungskrise und die Armut in Afrika. Für die Eltern sind die Töchter eine wichtige Einnahmequelle. Jedes Mädchen, das auf grausame Weise beschnitten wird, ist auch Opfer einer Zwangsheirat. Und weil unbeschnittene Mädchen als untreu gelten, findet man keine Käufer für sie. Mit „Käufer“ meine ich Ehemänner, sagte Waris Dirie, die seit zwanzig Jahren gegen frauenverachtende Gesellschaften und Genitalverstümmelung kämpft (20. Februar 2018 in der Online-Ausgabe des österreichischen Wochen-Magazins NEWS).

Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen: Frauen der urbanen Unterschicht, die vom Lande kommen und keine Ausbildung genossen haben, sind in besonderer Weise ungeschützt Gewalt und Erniedrigung durch Männer ausgesetzt. Vielen bleibt als Mittel zum Überleben nur die Prostitution (Deegan 2009, zit. nach Tetzlaff).  „Männer ohrfeigen ihre Frauen, als wäre es ein Nationalsport“ schreibt Lola Shoneyin in „Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi“. Trevor Noah aus Südafrika beschreibt (in seinem Roman „Farbenblind“ von 2016, deutsch 2017), wie seine Mutter von ihrem Ehemann (dem Stiefvater Noahs) wiederholt misshandelt, schwer geschlagen wurde (wenn der getrunken hatte). Ging sie dann zur Polizei, tat diese das als „Familiensachen“ ab und weigerte sich, eine Anzeige aufzunehmen. Zu dem Mann sagten sie, das ist okay, wenn Sie mal ein bisschen wütend geworden sind, das kommt vor; wir wissen, doch, wie die Frauen sind… Gewalt und Vergewaltigungen sind in Südafrika Alltag. In krisengeschüttelten Regionen, wie Kongo und Liberia, wurden Massenvergewaltigungen als Kriegsmittel eingesetzt. Somalia wird weitgehend noch von frauenhassenden Islamisten kontrolliert. Vergewaltigte junge Mädchen werden wegen Ehebruchs gesteinigt. Massenvergewaltigungen in DR Kongo, Nigeria, Ruanda, Mosambik wurden als „Kriegswaffe“ eingesetzt (Tetzlaff, a.a.O., S. 34). „Neben Mord und Folter sind Vergewaltigungen die häufigsten Kriegsverbrechen. Wir haben Berichte über entsetzliche Massenvergewaltigungen im Kongo, Burundi, Südsudan und in Ruanda. Wer etwa in Kongo (DRC) eine Vergewaltigung überlebt, gilt als Paria. Die Mädchen oder Frauen gelten als ‚besudelt‘, die soziale Stellung des Vaters oder Ehemanns, dem sie ‚gehören‘ [!], ist nach der Vergewaltigung ‚beschädigt‘. Um seine Ehre [!] wieder herzustellen, muss der Mann die Frau oder der Vater die Tochter verstoßen.“ (Winnie Adukule, Flucht, Berlin 2016, S. 81.) Unsägliche Dinge, die da passieren, nicht nur Vergewaltigung, auch Quälerei, sadistische Verstümmelungen, etc. Eine Handvoll der Vergewaltigungen im Kongo sind bestraft worden.

Bevölkerungswachstum, ein heikles Thema, da afrikanische Männer keine westliche Bevormundung wünschen. Nur über Kinder wird man zum Ahn, und Ahnen spielen in Afrika eine große Rolle. Im Senegal erlebte ich einen polygamen Dorf-Chef, der gerade die Geburt seines 60. Kindes feierte. Was sage ich solch einem Mann? In der Süddeutschen Zeitung erschien eine Reportage (Kathrin Schwarze-Reiter und Roland Preuss, SZ Nr. 124, 2./3. Juni 2018, S. 13ff) „Es wird eng“: Bevölkerungswachstum in Niger. Eine junge Frau wird zitiert, Salamatou Baubacan, 20 Jahre alt. Sie hat bereits acht Kinder! Zunächst verschwieg sie den Weißen gegenüber ihren Kinderreichtum. Sie habe vier Kinder, gab sie an. Als nach und nach die anderen Kinder auftauchten, gab sie die tatsächliche Zahl an. Das erste Kind starb noch im Mutterleib, eines starb Hungers kurz nach der Geburt, die jüngsten sind Zwillinge. Sie hat sieben – überlebende – Kinder, und das ist noch nicht das Ende. Sie ist 20, ihr Mann 42 Jahre alt. „Für uns gibt es keine Grenze. Inschallah, so Gott will, werden wir noch mehr Kinder bekommen.“ Verhüten kommt nicht in Frage. Die Familie lebt im Landkreis Kollo, im ländlichen Niger. Hier gelten Kinder als Statussymbol, als Arbeitskräfte, als Altersversorgung. Der bettelarme Wüstenstaat Niger hat eine der höchsten Geburtenraten weltweit: 7,6 (oder 7,3 oder 7,9) Kinder pro Frau – im Durchschnitt. Mütter mit 15 Kindern sind hier keine Seltenheit. Die Familie Baubacan lebt von der Landwirtschaft. Nahe dem Fluss Niger haben sie dabei noch Glück, er überspült in der Regenzeit die Felder. Trotzdem sind sie unterernährt und leiden immer wieder Hunger. In der Stadt, Niamey, ist es kaum besser. Immer mehr Nigrer wollen weg.

Seit der Unabhängigkeit in den sechziger Jahren hat sich die afrikanische Bevölkerung vervierfacht. Experten gehen heute davon aus, dass diese demographische Entwicklung die Hauptursache für den Entwicklungsrückstand ist, noch vor schlechter Regierungsführung, Korruption und Klientelismus. Afrika hat heute 1,25 Milliarden Einwohner, und 40 Prozent sind jünger als 15 Jahre. Nie hat es weltgeschichtlich eine so junge Bevölkerung gegeben wie heute in Afrika. (Und Gesellschaften mit vielen jungen Männern sind brutalere und auch albernere Gesellschaften, denken wir an das deutsche Mittelalter.) Reiner Klingholz, Berlin-Institut, sagt über Afrika: Wir haben ein Migrationspotenzial in Millionenhöhe. Die Fertilitätsrate nimmt mit zunehmender Bildung ab. „Bildung ist das beste Verhütungsmittel“, sagt Klingholz. Tunesien ist das einzige arabische / afrikanische Land, wo der Bevölkerungsdruck nicht so hoch ist – wegen anderer Bildungspolitik seit Habib Bourguiba. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, aber es gibt – durch bessere Bildung – weniger Kinder pro Frau. In keinem anderen arabischen Land haben Frauen so viele Rechte wie in Tunesien, und in keiner anderen arabischen Gesellschaft sind sie so präsent. Auf einen Ingenieur kommt eine Ingenieurin, und vier von zehn Richtern sind Frauen. Nach der Revolution von 2011 hat es die Demokratie geschafft – oder ist zumindest nicht gescheitert. Die Regierung unter Präsident Essebsi treibt die Frauenrechte und die Stärkung der Zivilgesellschaft weiter voran („Ein arabisches Vorbild“, F.A.Z., 24.11.2017).

Es wird geschätzt, dass nur etwa 17% der Frauen in Afrika Zugang zu modernen Verhütungsmitteln haben. Durch kulturelle Traditionen sind sie noch immer daran gehindert, die Zahl ihrer Kinder selbst bestimmen zu können. Meistens sind es die Ehemänner, die ihre Frauen daran hindern, an Familienplanungsprojekten teilzunehmen. „Familienplanung – ein entwicklungspolitischer Imperativ“ (Tetzlaff, a.a.O., S. 229f): Es gebe „zahlreiche religiöse, ideologische und nationalistische Bedenkenträger in Industrie- und Entwicklungsländern“, die die Problematik der „relativen Überbevölkerung“ konterkarieren. Der Vatikan, Mullahs, evangelikale Fundamentalisten, Feministinnen in Europa oder afrikanische Präsidenten – wie Ugandas Präsident Yoweri Museveni, der im starken Bevölkerungswachstum seines Landes ein Zeichen von Macht und Stärke sieht. Auch will jede Ethnie stark vertreten sein.

Moderne Bevölkerungswissenschaftler bekräftigen die Bedeutung der Frauenbildung. In der Regel wünschen sich Frauen in afrikanischen Ländern weniger Kinder als ihre Männer (hierzulande ist es eher umgekehrt). Der Weg zu weniger Kinder führt also über die Stärkung der Frauen. Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung stellte zusammen mit der Stiftung Weltbevölkerung eine Liste auf: mehr Mitsprachemöglichkeiten für Frauen in Familie und Gesellschaft, Alternativen zur Mutterrolle, ungehinderter Zugang zu Sexualaufklärung, Familienplanung und Verhütungsmitteln; besser Bildung, insbesondere eine weiterführende Schule für Mädchen (dann bekommen sie später Kinder und betreiben Familienplanung aktiv); neue Lebensperspektiven, z.B. ein Umzug in die Stadt, bessere Verdienstmöglichkeiten, andere Familienbilder, die von den Medien transportiert werden; Verringerung der Kindersterblichkeit. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Cédéao hat im Juli 2017 beschlossen, bis zum Jahr 2030 die Fertilitätsrate auf drei Kinder pro Frau zu senken. Die durchschnittliche Rate in ihren fünfzehn Mitgliedsländern beträgt derzeit 5,6; das ist die höchste der Welt. „Demografisches Paradox“: je chaotischer und unsicherer ein Land, umso höher die Geburtenrate. In Botswana ist die Geburtenrate auf 2,9 Kinder pro Frau gesunken – eine Folge der positiven wirtschaftlichen Entwicklung.

„Noch immer kann in Afrika jede vierte Frau nicht verhüten, obwohl sie das gerne möchte. Jedes Jahr kommt es dadurch zu 80 Millionen ungewollten Schwangerschaften. Das Recht auf freiwillige Familienplanung muss endlich für alle Menschen umgesetzt werden“, sagt Renate Bähr, die Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW). Die DSW hat zwei Projekte in Kenia und Uganda. An mehreren Grundschulen erhalten schon 10- bis 14-Jährige altersgerechte Informationen zu Sexualität und Verhütung. Dabei wird das gesamte soziale Umfeld der Schüler mit einbezogen: Eltern, Lehrer, lokale Entscheidungsträger und Mitarbeiter von Gesundheitszentren. Den Kindern und Eltern wird die Angst vor Nebenwirkungen genommen. Mythen und Vorurteile gegenüber Familienplanung werden diskutiert. Der ganzheitliche Ansatz hat sich als effektiv erwiesen. An den Projektschulen gab es seither weniger Schwangerschaften und Schulabbrüche. Das sind aber nur einzelne „Projekte“.

In Ruanda gibt es weltweit die meisten Frauen in entscheidenden Positionen. Das ist einer der Hauptgründe für den Aufstieg des Landes zu einer der fortschrittlichsten Nationen Afrikas.
1994 gab es diesen furchtbaren Genozid in Ruanda, bei dem fast eine Million Menschen starben, die Hutu wollten die Tutsi auslöschen. Nach dem Genozid mussten Frauen Führungsaufgaben in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft übernehmen. Unmittelbar nach dem Konflikt waren 70 Prozent der Bevölkerung weiblich. Die Frauen mussten handeln. Neun Jahre nach dem Völkermord gab sich Ruanda eine neue Verfassung, Frauen sind nun vor dem Gesetz vollkommen gleichberechtigt. Vor dem Völkermord war das Land stark patriarchal organisiert. Frauen hatten kaum Rechte, durften weder Land besitzen noch erben, durften kein Bankkonto eröffnen, mussten ihren Ehemännern aufs Wort gehorchen. Heute halten sich Studentinnen und Studenten die Waage und Chefinnen, Managerinnen und Unternehmerinnen sind Alltag in Ruanda. Die Schweizer Journalistin Barbara Achermann hat ein Buch über das „Frauenwunderland“ Ruanda veröffentlicht (Barbara Achermann, Frauenwunderland. Die Erfolgsgeschichte von Ruanda, Ditzingen 2018). Zwei Drittel der Sitze im Parlament belegen Frauen, im Senat sind es 40 Prozent. Die Ministerien für Auswärtiges, Gesundheit, Familie, Landwirtschaft und Energie sind in Frauenhand (Volker Seitz, Afrika wird armregiert, S. 244), Frauen stellen die Hälfte der Richterinnen am Obersten Gerichtshof, im Chefsessel der Fluglinie Air Runda und in dem der größten Bank, Bank of Kigali, sitzt eine Frau. „Women run the Show“, schrieb die „Washington Post“. Zahlen der Weltbank und der Vereinten Nationen belegen, dass sich Ruanda, das 12 Mio. Einwohner(innen!) hat, in den vergangenen zwei Jahrzehnten schneller entwickelt hat als jedes andere Land in Afrika. Das Wirtschaftswachstum lag seit 2000 bei durchschnittlich acht Prozent (Achermann, a.a.O. S. 11). Die Kindersterblichkeit sank von 23 auf vier Prozent.

Es mache ökonomisch gesehen schlicht keinen Sinn, die Hälfte der Bevölkerung links liegen zu lassen, sagt Ruandas Präsident Paul Kagame. Post-Genozid-Generation (Fotos von Espen Eichhöfer, der sie freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, Agentur Ostkreuz Berlin): Für die Kinder der jungen Ruanderinnen soll der Völkermord nicht mehr sein als „ein Kapitel im Geschichtsbuch“ (Achermann, a.a.O., S. 59). Junge moderne Frauen sieht man in allen Großstädten Afrikas. (Hier siehts eigentlich kaum anders aus als in Berlin?) Die Frauen in der Stadt, die Zugang zu Bildung haben, die vielleicht einmal im Westen waren, pflegen einen „westlichen“ Lebensstil. Das Problem bleibt die große Einkommensungleichheit, das Bildungsgefälle: das Stadt-Land-Gefälle, eine nur langsam wachsende Mittelschicht. Marginale Industrialisierung… Außer Runda: hier produziert z.B. auch VW. Achermann beschreibt in ihrer Reportage eine Musikerin, eine Schneiderin, eine IT-Unternehmerin. Ihnen allen eigen seien ihre „radikale Eigenständigkeit“ und ihr Vorwärtsstreben. Die jungen Ruanderinnen pflegen ihr kulturelles Erbe, sie kombinieren neu und alt, ob in der Musik, in der Mode, in den Ernährungsgewohnheiten – oder in der Sexualität. Bei Achermann gibt es ein ganzes Kapitel über den weiblichen Orgasmus. Vestine Dubase, Radiomoderatorin, hat sich einer alten Tradition angenommen…

„Der Aufstieg der Frauen in Ruanda ist eine Erfolgsgeschichte. Wenn auch keine perfekte“, schreibt Achermann. „Auf ihrer Schattenseite herrscht ein mächtiger Mann.“ Der Autokrat Präsident Paul Kagame. Ob der Erfolg Ruandas anhält, auch nach Kagame, bleibt abzuwarten.

Eine treibende Kraft hinter der Emanzipationsbewegung in Ruanda war die First Lady Jeanette Kagame. Zwei Jahre nach dem Genozid gründete sie den Unity-Club, wo sich Ministerinnen und Ministergattinnen trafen, um gemeinsam für Frauenrechte Lobbyarbeit zu betreiben (Achermann, a.a.O., S. 72). Demgegenüber Chantal Biya…. Die Ehefrau des wesentlich älteren Paul Biya, Präsident von Kamerun seit 36 Jahren. Chantal fällt vor allem durch ihre extravaganten Frisuren auf… Ellen Johnson-Sirleaf erhielt 2011 den Friedensnobelpreis für ihre Versöhnungsarbeit und 2017 als erste Frau den Mo Ibrahim-Preis. Als Präsidentin von Liberia (2006-2018) tolerierte sie die Korruption. Das wurde kritisiert. Aber ihre Regierungsführung sei trotz der schwierigen Umstände nach dem Bürgerkrieg bemerkenswert gewesen. Es blieb friedlich in Liberia. Eine weitere Politikerin ist Ngozi Okonjo-Iweala, ehemalige Finanzministerin von Nigeria, die sich im Kampf gegen Korruption stark macht.

Mode (Bild von Bugs Steffen: die Rama Diaw Fashion Models Aminata (Guinea), Ami (Senegal) und Coumbelle (Senegal) in der „Wakanda Collection“). Afrika ist ein modeverrückter Kontinent. Die Senegalesin Oumou Sy (geb. 1952) ist Analphabetin, zählt zu den kreativsten Modedesignerinnen. Sie hat eine Schule für Modedesigner und Models in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, gegründet. Sie fördert die regionale Handwerkskunst zur Stoffherstellung, Stickerei und Lederbearbeitung. Ihre Haute-Couture-Roben wurden in den USA und Europa gezeigt. Seit Mitte der Neunzigerjahre veranstaltet Oumou Sy die jährliche Internationale Dakar Fashion Week. Dakar ist dadurch das Modezentrum in Westafrika geworden. Rama Diaw ist eine junge Modemacherin und Designerin aus dem Senegal. Kürzlich war eine Modeschau von Rama Diaw beim 30. Africa Festival in Würzburg zu sehen.

Über Künstlerinnen könnte ich viel sagen… Nur ein Beispiel: Mary Sibande, geb. 1982, Südafrika, Figur „Sophie“: Ihre Großmutter als Dienstmädchen bei den Weißen träumte sich in erhabene Rollen hinein. Frauen hinterfragen ihre Rolle; die ihrer Mütter, Großmütter. Bildbeispiele: Eine Kunst-Betrachterin in Dakar, Kuratorin Koyo Kouoh (Beraterin auch für die Documenta), Chefin des Gemälde-Magazins und Chefin der Nationalgalerie in Harare, Simbabwe. Frauen sind freilich auch Lehrerinnen, Anwältinnen, Richterinnen, Professorinnen… oder Business-Frauen: Im Juli 2018 wurden diese Frauen (Bildbeispiel) als Afrikas einflussreichste Business Women ausgezeichnet. Das Magazin Jeune Afrique (Media Group), The Africa Report und das Afrika CEO [Chief Executive Officer] Forum veröffentlichten eine Liste der 50 wichtigsten Business Frauen Afrikas (die meisten aus Nigeria und Marokko). Es hat – von einem niedrigen Level aus – Fortschritte in der wirtschaftlichen Entwicklung und der Partizipation von Frauen in Afrika gegeben. Aber es bleibt noch viel zu tun, und der Weg wird lang sein. In afrikanischen Ländern sind sehr viel weniger Frauen in Führungspositionen als im globalen Durchschnitt. Ruanda [!], Senegal und Südafrika rangieren vorne in Bezug auf Geschlechtergleichheit.

Sängerinnen und Musikerinnen (über Schriftstellerinnen gab es einen separaten Vortrag in der Reihe): Miriam Makeba (1932-2008), die südafrikanische Pop-Sängerin, die mit 1967 „Pata-Pata“ weltberühmt wurde. Makeba wurde „Mama Afrika“ genannt und ihre Lieder zählen zur „Weltmusik“. International bekannt sind u.a. Angelique Kidjo aus Benin oder Sona Jobarteh, Kora-Virtuosin aus Gambia (Fotos Bugs Steffen).

Winnie Mandela: Die Ex-Frau des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela starb am 2. April 2018 im Alter von 81 Jahren in Johannesburg. Nelson Mandela war der Versöhner, sie war die Radikale. Er predigte Vergebung, sie wollte die Weißen bezahlen lassen und sprach sich für Enteignung und Umverteilung des weißen Besitzes aus. Während seiner Abwesenheit – im Gefängnis – wurde sie eine verbitterte Kriminelle, die mit ihrer Gang vermeintliche Abweichler umbrachte (Bernd Dörries in der SZ vom 14./15. Juli 2018). Nomzamo Winnifred Madikizela wurde 1936 in der Transkei, dem heutigen Ostkap, geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Sozialarbeiterin arbeitete sie in einem Krankenhaus in Soweto. 1957 lernte sie den Anwalt Nelson Mandela kennen. Ein Jahr später heirateten sie und bekamen zwei Töchter. Während der langen Haftzeit ihres Mannes (August 1962 bis Februar 1990) entwickelte sie sich unter der Apartheid zu einer führenden Gegnerin der weißen Regierung. Sie war jahrelang Präsidentin der einflussreichen ANC-Frauenliga und bis zuletzt Mitglied im ANC-Parteivorstand sowie Parlamentsabgeordnete. Das Paar hatte sich jedoch während der Gefängniszeit entfremdet und trennte sich 1992. Nach 38 Jahren Ehe folgte 1996 die Scheidung. Die von vielen Südafrikanern als „uMama Wethu“ (Mutter der Nation) betrachtete Aktivistin war eine der furchtlosesten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten im Kampf gegen die Rassentrennung am Kap. 2003 wurde sie wegen Betrugs und Diebstahls zu fünf Jahren Haft verurteilt, musste aber die Strafe nicht antreten. Sie soll Bankkredite von mehreren Zehntausend Euro erschlichen haben. Dennoch wählten sie die Leser des Magazins „New African“ ein Jahr später in eine Liste der „100 größten Afrikaner aller Zeiten“. Sie hat ikonischen Status und bleibt eine feste Größe des ANC.

Die kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai erhielt im Jahr 2004 als erste Frau Afrikas den Friedensnobelpreis für ihren Kampf für nachhaltige Entwicklung, Frieden und Demokratie. Wangari Maathai, die „Mutter der Bäume“, die 2011verstorben ist, hat das „Green Belt Movement“ gegründet. Die Frauen haben inzwischen 45 Millionen Bäume gepflanzt. Die Bepflanzung schützt vor Erosion, vor Austrocknen der Quellen. Die Frauen dieser Organisation arbeiten mit großem Erfolg, betreiben Aufklärung in den Dörfern in den Bereichen Landwirtschaft, Gesundheit, Demokratieverständnis. –  Mein Vortragstitel ist auch programmatisch zu verstehen: Afrika in Frauenhand!

Den Vortrag „Afrika in Frauenhand“ hielt ich am 30. August 2018 im Rahmen der „Sommer-Uni“ mit dem Thema „Afrika – Herkunft und Schicksal der Menschheit“ der Berliner Akademie für weiterbildende Studien e.V. an der FU Berlin.

Belting und Buddensieg: das Senghor-Buch

Léopold Sédar Senghor war der erste Staatspräsident des 1960 unabhängig gewordenen Senegal, der in der Kolonialzeit zu Französisch Westafrika gehörte. Senghor war geistiger Brückenbauer, Politiker und Dichter. Hans Belting und Andrea Buddensieg haben ein Buch über den Schöngeist, den Humanisten Senghor geschrieben. 1966 war Senghor mit dem Festival Mondial des Arts Nègres, dem „Weltfestival der Negerkünste“, Impulsgeber für die spätere „Dak’Art“. Diese Kunstbiennale in Dakar, der Hauptstadt Senegals, war 1992 die erste in Afrika südlich der Sahara und findet seitdem regelmäßig statt. Senghor (1906-2001) hatte in Dakar eine nationale Kunstszene aufgebaut. Sein Konzept, die Négritude, ist bis heute umstritten. Senghors Aussage, die Vernunft sei griechisch, der „Neger“ eher emotional, machte ihm kaum Freunde. Landsleute warfen ihm vor, die Négritude sei eine Sklavin der Francophonie. Belting und Buddensieg sehen in Senghor den Visionär für einen Neuanfang der Welt mittels Kunst und Kultur. In der Medien- und Konsumära sei dieser Typus „quasi ausgestorben“. Dass die „vergessene oder verdächtige Kulturpolitik“ Senghors scheiterte, habe weniger an der Idee, eher an den Bedingungen gelegen. Muss eine Idee nicht gerade für ihre Bedingungen taugen? Senghors Vision war ein Dialog der Kulturen, ein weltweiter Humanismus, eine Moderne aus afrikanischer Sicht. „Multiple Modernen“ sind – mit Rasheed Araeen – länger schon Beltings Thema. Senghor habe in Paris, damals Zentrum der modernen Kunst, die Moderne gesucht.

Senghor lebte in mehreren Welten. Er stammte aus einer Großfamilie. Ein Leben lang orientierte er sich am Ehrenkodex „jom“ seines Volkes, der Sereer: die moralische Integrität der Person ist die erste Lebensregel, das Bewusstsein der Verantwortung für die Gemeinschaft. Als Christ war Senghor schon als Kind in zwei Welten zuhause. Im Internat der Väter vom Heiligen Geist erfuhr er die interkulturelle Erziehung in zwei Sprachen, in der Landessprache Wolof und dann in Französisch. Diese Ausnahme war der Kolonialverwaltung ein Stein des Anstoßes. Senghor setzte sich später für eine solche Schulbildung ein, für ein „afro-französisches“ Milieu, für Doppelsprachigkeit, für eine schwarzafrikanische Literatur in französischer Sprache in Analogie zum Jazz: Instrumente der westlichen Kultur und Artikulation afrikanischer Tradition. Die Geschichte seines Volkes, der Mythos, war sein „Reich der Kindheit“. 1923 wechselte Senghor nach Dakar. Hier hätten die Lehrer ihn glauben machen wollen, dass die französische Kultur derjenigen Schwarzafrikas überlegen war. Senghor schloss 1928 mit dem Baccalauréat ab, er hatte auch Latein und Griechisch gelernt. Er ging nach Paris, um klassische Philologie zu studieren. Am Lycée Louis-le-Grand entstand eine lebenslange Freundschaft mit dem Klassenkamerad Georges Pompidou. Pompidou machte Senghor mit der zeitgenössischen französischen Literatur und mit der Pariser Kunstszene vertraut. Senghor schloss Freundschaft mit dem karibischen Dichter Aimé Césaire, dem Begriffsgeber für die „Négritude“. Die École normale supérieure verließ Senghor als erster afrikanischer Agrégé. Bald fand er als Dichter Erfolg. Seine „Anthologie“ von 1948 mit Jean-Paul Sartres berühmtem Vorwort „Schwarzer Orpheus“ wird der Weltliteratur zugeordnet. Sehr sensibel orientieren sich Belting und Buddensieg an Senghors Texten, seiner Autobiographie, seinen Reden, Essays, Kunstkritiken. In der Dichtung Senghors lebt eine eigene Emotion, die seinen Reden und Essays fehlt, stellen sie fest, in ihr spricht der Träumer, in den Prosatexten der Politiker.

Der „Dialog der Kulturen“ in Senghors Biographie zeigt die Krux der interkulturellen Kompetenz: Er stand immer zwischen den Fronten. In einem Gespräch mit André Malraux 1966 waren sich beide einig, dass Senghor „in Afrika als Franzose diffamiert und in Frankreich als Afrikaner belächelt wurde“. Belting und Buddensieg sprechen von einer „kulturellen Métissage“, einer Mischkultur. Frankreich habe sich nicht auf eine Métissage eingelassen, sondern mit seiner kolonialen Ideologie Menschen zerstückelt, so Senghor. Erst in einer Weltgesellschaft, einer Civilisation de l’universel, würden Afrikaner die Chance haben, zu sich selbst zu kommen. Eine „Métissage“ aus „Kelten und Lateinern, Lateinern und Germanen, Germanen und Kelten“, sah Senghor auch im katholischen Rheinland. Nach Konrad Adenauers Tod wurde Senghor 1979 in das Institut Français gewählt, als Mitglied der Académie des sciences morales et politiques, und hielt seine Antrittsrede als Nachruf auf Adenauer. Senghor konnte Deutsch, er gilt als Goethe-Kenner, er erhielt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1968.

Zögerlich ging Senghor 1946 in die Politik. Er bedauerte, dafür die akademische Laufbahn aufgeben zu müssen. Er wurde als afrikanischer Repräsentant Abgeordneter der französischen Nationalversammlung (eine Besonderheit kolonialpolitischer Praxis). Es galt, die Weichen für das Ende der Kolonialzeit zu stellen. Vergeblich warb Senghor für ein vereinigtes Europa unter Einschluss Afrikas: ein Eurafrika. Senghor – wie auch Houphouet-Boigny, erster Präsident der ebenfalls 1960 unabhängig gewordenen Côte d’Ivoire – kam die Beendigung des Kolonialstatus zu früh. Er hatte Frankreich verpflichten wollen, weiterhin in Infrastruktur und Wirtschaft der Kolonien zu investieren, wurde aber von „der anti-kolonialen Utopia“ überholt. 1958 kam General de Gaulle an die Macht. Georges Pompidou war Kabinettschef.

Für Senghor standen, als er 1960 Präsident Senegals wurde, Bildung, Wissenschaft und Kunst im Vordergrund: fast ein Viertel der Staatsausgaben war kulturellen Aktivitäten gewidmet. Aber schon in den 1960er Jahren war Senghor Spannungen ausgesetzt: er war Christ in einem überwiegend muslimischen Land; die Studentenbewegung war sozialistisch. In den 1970er Jahren verschlechterte sich die Wirtschaftslage dramatisch: Ölkrise, Staatsverschuldung des Senegal, Bevölkerungswachstum, Angewiesensein auf Entwicklungshilfe. Französische Investoren zogen sich zurück. Innenpolitisch stand Senghor unter Druck, außenpolitisch verlor er die Führungsrolle Senegals in Westafrika.

Belting und Buddensieg richten den Fokus auf die Kunst. Erhellend sind ihre Quellendarlegungen zum Festival Mondial des Arts nègres. Erstaunlich ist, dass den beiden Kunsthistorikern offenbar erst jüngst klar wurde, dass sowohl Picasso als auch Soulages in Dakar ausstellten. Dabei hatte sich Belting in „Das Erbe der Bilder“ (1998, gemeinsam mit Lydia Haustein) schon einmal Afrikas angenommen. Belting sieht Bilder als kulturelle Bilder: die eine Kultur prägen und von ihr geprägt werden. Kann „eine neue globale Kunst so etwas wie eine Arche Noah sein, in welcher Kulturen überleben“? Im Zusammenhang von Kunst und Kultur, „besser: von Kunst, im Singular, und den Kulturen, im Plural“, zitiert Belting damals auch: Wenn ein Greis in Afrika stirbt, sagt man, brenne eine Bibliothek ab. Und Belting sagt für „Bibliothek“: „man könnte auch Bildarchiv sagen“. Heute schreibt er: „Postkolonial“ bleibe im Wettbewerb der Diskurse stecken, stifte noch keine neue Perspektive. – Dafür verehrt man einen Belting. Und dafür, dass er nicht der Political Correctness-Mode verfällt und auch in seinem Sprachgebrauch das Wirken Senghors in der Zeit widerspiegelt, in der Senghor gelebt hat – und die Hans Belting teilweise auch aus eigenem Erleben kennt.

Senghor beschwor zum Festival Mondial des Arts nègres die Einheit Afrikas und die Zukunft der Kunst in Afrika. Mit Kunst wollte er „die Sprachgrenzen überwinden, welche die einstigen Kolonien Afrikas voneinander trennten“ – und „die sozialen Schranken zwischen Stadt und Land abbauen“. Diese Kunst, die er meinte, existierte noch gar nicht, und er schuf durch Kunstakademie, Kunstgewerbeschule und Kunstmuseum eine Infrastruktur. Es hätte aber auch eine neue Klientel entstehen müssen, die in Galerien kaufte. „Es zeigte sich bald, dass man es am Ende mit dem Tanz leichter hatte als mit Galeriekunst.“ Bislang hat der Tanz, der im westlichen Konzept der Kunst nicht die gleiche Bedeutung habe „wie für den Afrikaner Senghor“, kaum Eingang in die allgemeine Senghor-Forschung gefunden. Belting und Buddensieg schließen diese Lücke mit einem aparten, dichten Abschluss-Kapitel. Die Mudra Afrique, die erste Tanzschule Afrikas, ein 1962 gegründetes Ballett, zog 1977 ins Musée Dynamique ein. Afrikas Tanz hatte weltweit größere Aufmerksamkeit gefunden als die bildende Kunst („für welche das Monopol des Westens noch immer hohe Hürden errichtete“). Es sei an der Zeit, so Senghor, den populären Tanz der Afrikaner radikal zu modernisieren, um ihn auf internationaler Ebene konkurrenzfähig zu machen. Für Senghor war der Tanz schon früh „eine dynamische Skulptur“. Der Tanz leistete nun einen Beitrag zur Civilisation de l’universel. Die Leitung der Schule Mudra Afrique vertraute Senghor der Beninerin Germaine Acogny an, die als Choreographin in Dakar arbeitete. Neben der UNESCO beteiligte sich die Gulbenkian-Stiftung an der Finanzierung, zudem finanzierte Senghor die Schule aus eigenen Mitteln. Acogny leitet heute ihre eigene Schule „Ecole de Sables“ in Toubab Diallaw im Senegal. Wer einmal dort war oder die „erste afrikanische Oper“ Bintou Were in Paris oder Bamako gesehen hat, kann ein „afrikanisches Selbstbewusstsein“ schätzen.

Senghor allerdings musste Einschnitte in seinem Kulturprogramm vornehmen und empfand das als Niederlage. 1978 wurde er noch einmal für vier Jahre gewählt, aber bereits 1980 trat er vorzeitig zurück. Als Nachfolger hatte er den Wirtschaftsfachmann Abdou Diouf nominiert. Er selbst fühlte sich den neuen Bedingungen wirtschaftspolitisch nicht gewachsen. In Frankreich erfuhr er die größte denkbare Anerkennung für einen Schriftsteller: die Académie Française wählte ihn als ersten Afrikaner zum Mitglied, und damit in den Kreis der Unsterblichen.

Immer hatte Senghor sich auch auf die Landbevölkerung gestützt, seiner eigene Herkunft eingedenk. Die Macht afrikanischer Staatschefs heute beruht oft auf Stadtbevölkerungen. Die neokoloniale Wirtschaftspolitik habe kein Modell für „Entwicklungsländer“ geboten, befinden die Autoren Belting und Buddensieg. Im Vergleich haben sich aber asiatische Länder durch Bildung, Familienplanung und Arbeitsplätze aus der Armut herausgearbeitet. In kaum einem afrikanischen Land ist es gelungen, volksnahe, selbstbestimmte Volkswirtschaften aufzubauen. Auch mit Kunst und Kultur wäre es schwerlich gelungen. Die Politik, die Wirtschaftspolitik, hat eben doch immer das letzte Wort. Belting und Buddensieg meinen, in Afrika fehlten Geld und Institutionen zur Förderung der Kunst. Nein, es fehlt der politische Wille. Wie Achille Mbembe sagt: dortige Staatschefs verstehen unter Kultur meist Agrikultur.

 

Hans Belting und Andrea Buddensieg, Ein Afrikaner in Paris. Léopold Sédar Senghor und die Zukunft der Moderne, Verlag C. H. Beck, München 2018. 288 Seiten mit 68 Abbildungen, davon 23 farbig. Gebunden 28,- Euro, E-Book 23,99 Euro.

Altkleider

Im „Public Transport“ in Simbabwe saß ich einmal hinter einem Mann in einer dunkelblauen Arbeitsjacke. „Holzbau Xaver Schmidle“ (Name natürlich geändert) stand in gelben Buchstaben auf seinem Rücken. Plus Adresse und Postleitzahl: ein Nachbarort in meiner schwäbischen Heimat. In fast allen afrikanischen Großstädten gibt es Märkte für Altkleider. Buden-Reihen lang sieht man feinsäuberlich aufgehängte Gebrauchtkleidung. Manchmal liegen die Kleidungsstücke auf wasserdichten Planen auf dem Boden, das sind dann „Bück-Boutiquen“. Die Preise sind günstig, die Qualität gut. Für Weiße sind die Preise in Afrika sogar sehr günstig. Nicht nur europäische Ethnologie-Studentinnen haben sich, so konnte ich beobachten, gerne für ein paar Euro mit leichten T-Shirts und grauen Hosen eingedeckt. Professionelle europäische Händler, habe ich gehört, halten nach FC-Bayern-München- und anderen Fan-Shirts Ausschau, die nach dem Re-Import in Europa ein Vielfaches dessen eintragen, was sie in Afrika kosten. „Dead white men’s clothes“ wird Secondhand-Kleidung auch genannt, in Ghana „Obroni wawu“, weil Afrikaner es sich nicht vorstellen konnten, dass jemand zu Lebzeiten so gut erhaltene Kleider weggibt. Die „Reichen“ werfen die Klamotten in die Sammelboxen für die „Armen“, schreibt das Top-Model Alek Wek aus dem Sudan. „So trugen wir häufig seltsame Shirts, die für Manchester United oder für Jimmy’s Rib Joint in Harrison, Kentucky, warben. Wir selbst machten uns keine Gedanken darüber. Die Sachen waren billig und von guter Qualität, und verstehen konnten wir die englischen Aufschriften sowieso kaum.“ (Alek Wek, Nomadenkind, 2007, S. 22.) Alek Wek, die heute gewiss andere Sachen trägt, sieht das also nicht als Problem. Eigentlich kenne ich keinen Afrikaner, keine Afrikanerin, die mit dem Altkleider-Import in afrikanische Länder hadert. Aber in Deutschland wird gefragt, ob die ungeheuren Mengen von Altkleidern nicht Konsequenzen für die Schneider-Zunft in Afrika haben? Ob nicht Arbeitsplätze wegfallen und Existenzgrundlagen vernichtet werden? Gut gemeinte Spenden ins Gegenteil verkehrt werden, wenn der afrikanische Textilmarkt praktisch zerstört wird? Paradoxerweise werden gerade dort diese Fragen gestellt, wo die meisten gut erhaltenen Kleidungsstücke weggeworfen werden: die beste Qualität kommt aus Europa und Kanada. Tatsächlich wundere ich mich immer, wenn ich durch die Fußgängerzonen deutscher Städte gehe, wie viele Bekleidungsgeschäfte es gibt. Die Modewechsel werden immer häufiger, die Nutzungsdauer immer kürzer. Längst ist es eine Binsenweisheit, dass in den Konsumgesellschaften die Dinge nicht mehr ver-, sondern bloß gebraucht werden. In Deutschland wird eine Million Tonnen alter Kleidung (die Ladung von 62.000 LKWs) jedes Jahr in Container oder Sammlungen gegeben, schreibt der Verband „Fairwertung“ auf seiner Webseite. Die städtische Altkleidersammlung München („Ihre Altkleider – Unsere Verantwortung“) beklagt, dass allein hier jährlich rund 10.000 Tonnen Altkleider und Textilien im Restmüll landen. Die meisten Hilfsorganisationen, so auch das Rote Kreuz, verkaufen den Inhalt der Container an Textilverwertungsfirmen. Mit dem Erlös – Vergütung pro Tonne – finanzieren sie ihre Projekte. Der britische „Guardian“ schätzt, dass mit dem Handel von Gebrauchtkleidung weltweit jährlich 3,7 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Rund 55 Prozent eines Container-Inhaltes können wieder getragen werden. Das Sortieren ist aufwändig. Enthalten die Sammlungen zu viel minderwertige Kleidung, ist es für Sortierbetriebe nicht rentabel. Sie weichen in Niedriglohnländer aus (die 62.000 LKWs fahren also noch mehr in der Gegend umher). Nach dem Sortieren gehen die niedrigsten Qualitätsstufen nach Afrika, die beste Qualität geht nach Osteuropa (die allerbeste nehmen sich die Helfer gerne auch mal selbst, wie ein Herr in einem Dorf feststellen konnte, der des Sonntags seinen kürzlich ausrangierten, „gespendeten“ Anzug die Straße hinab spazieren sah). Saugfähige Stoffe werden zu Putzlappen, andere zu Dämmstoffen verarbeitet. Zehn Prozent eines Altkleider-Containers müssen in der Regel entsorgt werden. Zum Verkauf bestimmte Kleidung wird, um Zölle und Steuern zu sparen, nicht selten als Hilfslieferung deklariert. In afrikanischen Ländern kommt die sortierte Kleidung in 50kg-Ballen (in Kisuaheli „Mitumba“) in den Handel: Hosen, T-Shirts, BHs, Winterkleidung… Der Gikomba-Markt in Nairobi ist der größte Umschlagplatz für Altkleider in Ostafrika, in Westafrika der Kantamanto Markt in Accra/Ghana oder Colobane, Dakar/Senegal. In Westafrika sind die Großhändler oft Libanesen. Rund 80 Euro kostet ein Bündel und wird für 100 Euro weiterverkauft. Europa hatte den afrikanischen Textilmarkt tatsächlich praktisch zerstört. Die Hilfslieferungen an Secondhand-Kleidung, die aus Europa ab den 1970er Jahren nach Westafrika geschickt wurden, zersetzten eine florierende Textilwirtschaft vor Ort. Die Textilindustrie erwies sich als nicht wettbewerbsfähig, als es keinen Schutz vor Importen gab. Mitte der 1990er Jahre machte der Internationale Währungsfond Druck, und Afrika öffnete seine Märkte. In Ghana wurden 80 % der Arbeitsplätze in der lokalen Kleidungsproduktion und in Sambia 60 % vernichtet. Die afrikanische Bekleidungsindustrie konnte sich gegen die Billigimporte nicht durchsetzen: die Altkleiderimporte aus Europa und die Polyesterkleiderimporte aus China. Dazu kommt das Desinteresse afrikanischer Regierungen: sie versagen privaten afrikanischen Unternehmen politische Unterstützung und Vertrauen. Mangelnde Konkurrenzfähigkeit gegenüber asiatischen Produzenten und mangelnde Kaufkraft der Bevölkerung werden heute als Hauptprobleme der afrikanischen Textilwirtschaft angesehen, so der Dachverband „Fairwertung“. Auch an der Gebrauchtkleidung hängen in Afrika Arbeitsplätze. Für viele afrikanische Händler, Transporteure, Änderungsschneider sind Altkleider ein lukratives Geschäft. Manche von ihnen wittern in einem möglichen Importverbot gebrauchter Ware aus Europa eine „Verschwörung“: Die afrikanischen Politiker würden mit den Chinesen kooperieren und die europäische Konkurrenz verdrängen. Altkleider aus Europa sind qualitativ besser und halten länger als Neuware aus China. 2001 hat Nigeria den Import von Secondhand-Kleidung verboten. Seither boomt dort die kreative Textilwirtschaft. Nigeria ist eines der zentralen Länder eines im Grunde modeverrückten Kontinents. Denn das müssen die (Alt)Kleider auch sein: modern. Allerdings soll es in China sechzehn Fabriken geben, die Textilien mit eingenähtem „Made in Nigeria“-Etikett herstellen, so Tom Burgis in seinem Buch „Der Fluch des Reichtums“, 2016. Laut Burgis besteht der Markt zu 85 % aus Importen, obwohl die Einfuhr verboten ist. Die Ware käme aus Dubai und werde über Benin nach Nigeria geschmuggelt. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, BMZ, sagt, dass es in Ländern mit Importverbot zu einer Zunahme des Schmuggels mit (Alt)Kleidern komme. Kenia verhängte Ende 2012 ein Importverbot. Ruanda, Tansania und Uganda haben 2018 entschieden, dass sie die Einfuhr von Gebrauchtkleidung mit höheren Zöllen belegen, um ihre verbliebene Textilindustrie zu schützen. Ab 2019 wird der Import ganz untersagt. Ruandas Präsident Kagame betont, Priorität in seinem Land sei, Produkte selbst herzustellen. Es geht um den wirtschaftlichen Aspekt, aber auch um Stolz und Selbstwertgefühl. Bereits zwei Textilfirmen gibt es in Ruanda, zehn weitere sollen folgen. In Lesotho arbeiten Presseberichten zufolge 40.000 Menschen in der Textilbranche, in Mauritius mehr als 70.000. Auch Äthiopien profitiert von der Textilproduktion, allerdings sind es hier meist Chinesen in Sonderwirtschaftszonen. Die großen Ketten orientieren sich nach Afrika, weil die Arbeitsbedingungen in Asien dermaßen schlecht sind, dass ihr Image darunter leidet. Bleibt, dass alle Afrikanerinnen und Afrikaner ihre eigene Produktion wertschätzen müssten. Als ich zum ersten Mal in Benin war, orderte ich in einer kleinen Weberei und Schneiderei zwei traditionelle Hemden und leistete eine tüchtige Anzahlung. Nach vier Wochen, meine Rückreise stand an, waren die zwei Kleidungsstücke noch immer nicht fertig – und man wollte mir für den „Gegenwert“ meiner Anzahlung Polyesterhemden andrehen, Made in China. Ich entschied mich für gebatikte T-Shirts. Wahrscheinlich kamen sie aus Europa.

Bildung hat in Afrika einen geringen Stellenwert

Von Volker Seitz. Das entscheidende Entwicklungshemmnis in Afrika ist die Bildungsarmut. Bildung hat in vielen afrikanischen Staaten, besonders im Sahel, einen geringen Stellenwert. Armut und Analphabetentum gehen oft einher. Mehr als die Hälfte der Kinder weltweit, die keinen Zugang zu elementarer Bildung haben, leben in Subsahara-Afrika. Wenn auch gelegentlich in den Staats-Budgets versteckt, zeigt sich, dass für Waffen oft mehr Geld vorhanden ist als für Bildung und Gesundheit. Aber Bildung ist das wichtigste wirtschaftspolitische und sozialpolitische Steuerungselement. Eine Studie des South African Institute of Race Relations (SAIRR) macht auf beträchtliche Defizite im südafrikanischen Bildungswesen aufmerksam. Es gibt Abbruch-Quoten in der höheren Bildung. Dies führt zu einem gravierenden Fachkräftemangel in den Bereichen Management und Technik. Das relativ hoch entwickelte Südafrika hat nur ca. 500 Ingenieure pro eine Millionen Einwohner (zum Vergleich Japan: 3.306). Auf dem richtigen Weg sind Botswana und Ruanda. Diese Länder haben verstanden, wie stark der Wohlstand eines Landes von der Bildung abhängt. Die Anstrengungen lohnen sich. Sie spielen eine Vorreiterrolle bei gutem Regierungsmanagement. Sie haben eine qualitativ hohe Bildungsinfrastruktur. Ausstattung wie auch Qualitätssicherung sind sehr gut und beide Länder profitieren davon.

Der französische Jurist und Religionswissenschaftler Odon Vallet erbte ein Vermögen von ca. 100 Mio. Euro und gründete 1999 mit seinem Bruder eine Stiftung zur finanziellen Unterstützung von Studenten aus aller Welt, die sich ihre Studien nicht leisten können (Fondation Vallet). Die Stiftung hat seither 41.000 Stipendien vergeben, davon 12.000 an Beniner. Benin wurde wegen seiner politischen Stabilität gewählt. Jedes Jahr werden etwa 1.000 Stipendien nach Benin vergeben. Die besten Schüler von 25 Schulen, verteilt über ganz Benin, werden unterstützt. Die Stipendiaten schaffen die Prüfungen zu 97 %. Vallets Stiftung hat außerdem sechs Bibliotheken im ganzen Land ausgerüstet. Zudem Sprachschulen für Englisch und Deutsch. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit in Benin sind die Chancen der Stipendiaten, eine Anstellung zu finden, dreimal so hoch wie der nationale Durchschnitt. Wer für ein Studium ausgewählt wird, erhält die notwendigen Auslagen von 10.000-15.000 Euro pro Jahr. Odon Vallet, selbst Professor an der Sorbonne in Paris, hat häufigen Kontakt mit seinen Stipendiaten und reist jedes Jahr mehrmals nach Cotonou, Porto Novo, Abomey, Parakou, Natitingou. Angesprochen auf die Bildungsdefizite in Afrika südlich der Sahara glaubt er, dass die mündliche Überlieferung eine Rolle spielt. In einigen afrikanischen Staaten sei die Schrift erst gegen 1940 angekommen. In Natitingou im Nordwesten von Benin sei die erste Person, die lesen und schreiben gelernt habe, noch am Leben: ein sehr alter Pastor, der von protestantischen Missionaren ausgebildet wurde. Sein Enkel hätte übrigens gerade erfolgreich am Massachusetts Institute of Technology (MIT) promoviert. Auch der britische Anthropologe Jack Goody, der das anglophone Afrika gut kennt, hat nachgewiesen, dass die Art zu denken sich sehr unterscheidet, ob jemand lesen, schreiben kann oder nicht.

Nur sechs Prozent der jungen Afrikaner gehen auf eine Hochschule, im Weltdurchschnitt sind es 26 Prozent. Nach dem Schanghai-Uni-Ranking schaffen es nur fünf afrikanische Universtäten in die Top 500 der Welt. Sie liegen alle in Südafrika (University of the Witwatersrand, University of Cape Town, Stellenbosch University, University of Johannesburg und University of Kwa-Zulu-Natal). Afrikas Forscher tragen nur etwa zwei Prozent zur globalen Forschungsleistung bei. Aber die Mehrzahl der erfolgreichen afrikanischen Wissenschaftler lehrt an amerikanischen oder europäischen Universitäten. In Afrika gibt es laut einer UN-Studie 500 staatliche Universitäten sowie 1.000 private Hochschulen. Die Kapazitäten reichen aber bei weitem nicht aus.

Der Ghanaer Fred Swaniker gründete die „African Leadership Academy“ in Johannesburg. Eine Kaderschmiede für die künftige Elite, der nicht nur ihre eigene Karriere, sondern das Wohl des Kontinents am Herzen liegt. „African Leadership Academy“ – eine Schule für Jugendliche vom ganzen Kontinent. Der Kontinent dürfe sich nicht länger auf ausländische Investitionen und Entwicklungshilfe verlassen. „Afrika muss sein Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen.“ Dazu brauche man vor allem eines: „Führungspersönlichkeiten“. Politiker, die als die neuen Nelson Mandelas für Frieden, Stabilität und Demokratie sorgen. Wissenschaftler, die Impfungen gegen Malaria und Ebola entwickeln. Unternehmer, die „afrikanische Googles und Microsofts“ gründen.

Die Hochschule für Betriebs- und Volkswirtschaft TSiBA, Pinelands bei Kapstadt (TSiBA: Xhosa Wort für „Sprung“) ist eine private Hochschule, ohne staatliche Unterstützung, für ehrgeizige Führungskräfte, die sonst keinen Zugang zu Hochschulbildung hätten. Die Ausbildung der derzeit 320 Studenten ist kostenlos und die Stipendien müssen nicht zurückgezahlt werden. Gegründet wurde die Universität 2005 von Leigh Meinert, einer weißen Südafrikanerin. Unterstützung erhielt sie von ihrem Vater, einem Winzer im Devon Valley. Die Uni wird von Firmen unterstützt, die die Absolventen einstellen. Zahlreiche Studenten und Studentinnen wollen nach ihrem Abschluss ein eigenes Unternehmen gründen.

Der Bericht „The Toughest Places for a Girl to Get an Education“ der NGO „One“ vom Januar 2018 zeigt, dass neun der zehn Länder, wo es am schwierigsten ist Bildung zu erhalten, in Afrika liegen (Niger, Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Mali, Guinea, Liberia, Burkina Faso und Äthiopien). Wer lesen und schreiben lernt, hat später bessere Chancen, einen Job zu finden. Mit steigendem Bildungsniveau sind Frauen eher über Familienplanung informiert und haben generell weniger Kinder und gesündere Kinder; gebildete Frauen lernen sich zu wehren und sich vor Krankheiten wie Malaria und Aids zu schützen. Bildung ist das beste Verhütungsmittel. „Je gebildeter ein Mensch ist, desto stärker ist auch sein Wunsch, seine Familienplanung zu kontrollieren“, sagt Ruth Müller vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Der Bildungsnotstand ist die Hauptursache für die enormen Entwicklungsdefizite und das ungebremste Bevölkerungswachstum in Afrika. Es drohen aus diesem Grund Hungersnöte und Kriege. Junge Menschen ohne Bildung, die deshalb für extreme Gruppen anfällig sind, finden in Nigeria, im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik oder anderen Konfliktgebieten in bewaffneten Milizen eine Möglichkeit, Einkommen zu verdienen.

Kleine private Bildungsprojekte sind richtig, wenn ein Projekt über einen längeren Zeitraum läuft und auch ständig vor Ort überprüft werden kann. Entscheidend ist immer, dass es einen Langzeitplan für ein Projekt gibt. Ebenso wichtig ist, wie hoch der Verwaltungsaufwand vor Ort ist, welche Gehälter gezahlt werden, und dass diese nicht höher als ein durchschnittliches Gehalt sind. Auch muss sichergestellt sein, dass ein nicht zu geringer finanzieller Beitrag von den Empfängern geleistet wird. Sie müssen das Gefühl haben, das ihnen Mögliche zum Projekt dazugetan zu haben.

Sinnvoll ist jede Förderung von echten Selbsthilfeprojekten, die Eigeninitiativen wirklich anspornt. Anders als viele andere Projekte es bislang tun, dürfen vor allem Bildungsprojekte nicht bevormunden und die Menschen und Gemeinden nicht abhängig machen, sondern das Selbstbewusstsein und das Eigenwertgefühl aufbauen. Vorbildlich sind deshalb pädagogische Leistungen, die Lehrer aus eigener Kraft erbringen, also im Wesentlichen ohne ausländische Mitwirkung.

Die meisten afrikanischen Staaten geben weniger als ein Prozent des BIP für Bildung aus. Fehlende Infrastruktur erschwert den Weg zur Schule, es mangelt an engagierten Lehrern, an geeigneten Räumlichkeiten, und die Lehrpläne und die Ausstattung der Schulen sind oft schlecht. Viele Lehrer in Subsahara-Afrika sind selbst kaum ausgebildet und die Abwesenheitsquoten sind in einigen Staaten sehr hoch: „Ghost-Teacher“ (Geisterlehrer) werden sie genannt. In Kenia fehlen die Lehrer durchschnittlich jeden vierten Tag. Wegen der schlechten Bezahlung haben sie oft einen Zweitjob. Der südafrikanische Bildungsforscher Servaas van der Berg von der Universität Stellenbosch erklärt, dass Kinder in einigen afrikanischen Staaten vier bis fünf Jahre brauchen, um in der Schule das gleiche Wissen zu erlangen, welches Kinder in Industrienationen in zwei Jahren lernen. Auch wenn Bildung allein Afrika nicht retten kann, so ist Bildung doch eine wichtige Ressource für rohstoffarme Länder, die die sozialen Defizite der Gesellschaft ausgleichen kann und der Schlüssel für eine gedeihliche Zukunft ist. Obwohl dies eine Binsenweisheit ist, werden aus dieser Erkenntnis noch nicht in ausreichendem Ausmaß die notwendigen Schlüsse gezogen. Europa kann kein einziges afrikanisches Land „retten“. Stattdessen müssen sich die Regierungen in diesen Staaten viel stärker um die Bildung der nachwachsenden Generation kümmern. Leider genießen die Themen Bildung und Ausbildung in vielen afrikanischen Staaten bis heute nicht die nötige Priorität. Dort, wo ambitionierte Politiker wie in Botswana oder Ruanda konsequent und zielgerichtet Mittel in Bildung, Familienplanung und wirtschaftliche Dynamik gesteckt haben, wird auch die Armut verringert.

Sollte das Bevölkerungswachstum, wie von der UNO prognostiziert, anhalten, wird der Kontinent die Menschen nicht mehr mit Nahrung, Trinkwasser oder Jobs versorgen können.  Allein Bildung, Berufsausbildung, Arbeitsplätze, Gleichberechtigung der Frauen können eine Veränderung der Mentalität bewirken. Mit Bildung können die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Nur dort, wo Bildung und Familienplanung für breite Bevölkerungskreise zur politischen Priorität gemacht wurden, wie in den asiatischen Tigerstaaten, ging die Überpopulation zurück und die menschliche Lebensqualität und Leistungsfähigkeit wurde erhöht.

 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Das Buch ist beim Verlag vergriffen. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wird im September 2018 bei dtv erscheinen. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika.

 

Maggi und Nescafé

Nirgends esse ich so gut wie „in Afrika“. Aromen sonnenverwöhnter Früchte, prächtiges Gemüse, fangfrischer Fisch und in Simbabwe das beste Beef der Welt. Beim Kochen lässt man sich Zeit, was insbesondere in Soßen zu schmecken ist, die lange über dem Kohlenfeuer geköchelt wurden. Das „Ndolè“ in Kamerun gehört zu meinen Leibspeisen. Was mich allerdings entsetzt, geschult an der Bio-Bewegung in Deutschland ab den 1980er Jahren, ist die andauernde Verwendung von Maggi. Kaum ein Gericht in Afrika kommt ohne das Würzmittel aus. Maggi gehört, so die Meinung vieler Afrikaner, in mein kamerunisches „Ndolè“, in die „Sauce graine“ der Côte d’Ivoire oder ins senegalesische „Tiéboudienne“. Bis zu 100 Millionen Maggi-Würfel verkauft Nestlé nach eigenen Angaben allein in Westafrika – täglich. Im Werbe-Fernsehen taucht eine propere städtische Familie auf: Maman serviert in der hübschen Einbauküche zwei oder drei wohlerzogenen Kindern – und Papa – ein dampfendes Gericht: „Maggi – le secret de la bonne cuisine“ („Maggi – das Geheimnis der guten Küche“)! Im Senegal heißt Maggi „corrige Madame“, soll heißen, dass die Würze Madames Kochkünste verbessert. Jeder Markt in Westafrika hat ein Namensschild – gesponsert und in den gelb-roten Farben von Maggi. Der überdimensionale Brühwürfel lässt den Markt-Namen klein aussehen. Weil es bis ins letzte Dorf zu finden ist, glauben viele Afrikaner, Maggi sei ein afrikanisches Produkt. Die Geschmacksrichtungen variieren regional: Rind-, Huhn-, Krabben-Geschmack, scharf usw. Seit 90 Jahren ist der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé in Afrika präsent, seit 1959 verkauft er dort Maggi-Würfel. Mit Afrika-Sitz in Nairobi hat Nestlé auf dem Kontinent 27 Fabriken und zahlreiche Verteilungs- und Verwaltungszentren und beschäftigt 11.500 Angestellte. Seit einigen Jahren werden „Maggi-Cubes“ in afrikanischen Ländern produziert, so in Yopougon (Côte d’Ivoire), Dakar (Senegal), Douala (Kamerun), Koumalim (Mali) sowie Flowergate und Agbara (Nigeria). Die Brühwürfel bestehen aus Salz, Würze und Geschmacksverstärkern: Glutamat und Inosinat. 100 Jahre nach der Markteinführung in Europa will Nestlé die Rezeptur verändern. Zucker und Salz sollen nach und nach reduziert werden. In Ländern mit Mangelernährung ist vorgesehen, Vitamin A, Eisen oder Jod zuzusetzen. Außerdem soll das Würzmittel mehr Gemüse enthalten und stärker nach Kräutern und Gewürzen schmecken. Inzwischen hat Maggi afrikanische Konkurrenz bekommen. Andere Bouillon-Marken tragen Namen wie Joker, Jumbo, Doli, Mami, Mimido, Tak, Tem Tem, Sossa. Im Senegal ist die Herstellung von Brüh- und Suppen-Würfeln zu einem großen Wirtschaftszweig geworden.

Nicht nur Maggi schlägt mir auf den Magen. In Afrika trinke ich Nescafé. (In Deutschland kaufe ich natürlich Filterkaffee mit Transfair-Siegel.) Ob in West-, Zentral- oder im südlichen Afrika, ob privat, beim Hotel-Frühstück oder im Restaurant, es gibt fast ausschließlich Nescafé. Häufig in großen Städten zu sehen sind zudem mobile Buden: ein Tank mit heißem Wasser auf Rädern, ein Sonnenschirm, eine Halterung für die Plastikbecher – und Nescafé-Pulver. Auch auf dem Land wird Kaffee als Nescafé konsumiert, muss damit importiert werden und kostet Geld – wo hier doch überwiegend Tausch-Wirtschaft herrscht und es so gut wie keine Verdienstmöglichkeiten gibt. Die meisten Menschen in afrikanischen Ländern kaufen Nescafé in Portionsröhrchen, wie sie auch die Brühwürfel oder Zigaretten für ein paar Groschen einzeln kaufen. Für eine Packung fehlt ihnen das Geld. Eigentlich alles wird in Tagesrationen angeboten, auch Waschpulver, das von der Marktfrau in kleine Tüten gefüllt wird. Nescafé gibt es in kleinen und mittleren Dosen und eben den Portionsröhrchen. Wie beim Maggi-Würfel zielen die Konzerne in der Masse auch auf die ganz arme Bevölkerung. Werbung und geschicktes Marketing suggerieren, mit Nescafé und Maggi könne man seinem Leben Würze verleihen. Absurd, da in allen afrikanischen Ländern aromatische Kräuter gedeihen, und in vielen Gebieten Kaffee wachsen könnte. In Togo habe ich eine kleine, von weißen Mönchen geleitete Kooperative besucht, die Bohnenkaffee produziert – kaufen tun ihn vorwiegend Weiße. Im Senegal gibt es allerdings eine Spezialität: „Café Touba“, ursprünglich aus der Stadt Touba. Verfeinert mit Guinea Pfeffer und Nelken, sehr süß und sehr heiß, wird er am Straßenrand angeboten, und die Senegalesen lachen über meinen Scherz, dass ich „Café Touba“ dem „Café Toubab“ vorziehe (Toubab ist in Wolof die Bezeichnung für Weiße). In Dakar, im Stadtteil Mamelles, und in Johannesburg gibt es „Starbucks“-Filialen, in Ruanda „Bourbon Café“, die dortige Variante der Kaffee-Kette. Eine eigene Kaffeekultur hat Äthiopien. Hoffentlich setzt sie sich Kontinent-weit durch. Und hoffentlich auch eine Küche ohne Maggi und ohne Geschmacksverstärker. Die hat sie nämlich wirklich nicht nötig.

Armer reicher Kongo

Im Mai 2018 meldet das Kinderhilfswerk UNICEF, dass in der Region Kasai in Kongo (Kongo DRC, die „Demokratische Republik Kongo“) Hunderttausende Kinder dringend Nahrung brauchen. Nach UNICEF sind 770.000 Kinder im Alter bis zu fünf Jahren von Mangelernährung bedroht. 88 Millionen US-Dollar würden für medizinische Hilfe benötigt, aber nur ein Viertel der Summe sei vorhanden. Viele Kinder sterben in den Krankenhäusern.

Kämpfe zwischen dem kongolesischen Militär und einer Miliz 2016 hatten mehr als eine Million Menschen in die Flucht getrieben. Nun treffen Lebensmittelknappheit und schlechte medizinische Versorgung diejenigen, die in ihre Dörfer zurückkehren. Humanitäre Hilfe ist dringend geboten. Dass allerdings der Kongo selbst nicht für Nahrung und Arzneimittel sorgen kann, ist skandalös. Der Staat zählt durch jahrzehntelange allgegenwärtige Korruption, Kriege und Bevölkerungswachstum zu den ärmsten Ländern der Welt – trotz seines sehr großen Rohstoffreichtums (Coltan, Kupfer, Kobalt, Uran, Zinn, Gold, Erdöl, Diamanten, Edelhölzer).

Den Kongo eine Demokratie zu nennen ist einigermaßen verwegen. Der Kongo ist kein effektiver, zentralisierter Staat. Das Land gehört zu den instabilsten Ländern in Afrika. Die Regierung in Kinshasa kann die Gesetze nicht flächendeckend durchsetzen, weder Ordnung noch Infrastruktur schaffen. Ein ehemaliger Minister für den öffentlichen Dienst hat kundgetan, dass es fast die Hälfte der Staatsbediensteten nicht gibt. Dennoch werden ihre Gehälter ausgezahlt. Dem Kongo entgehen wegen politischer Unsicherheit, unmenschlicher Arbeitsbedingungen und der fehlenden internationalen Rechts- und Sicherheitsstandards erhebliche Einnahmen.

Seit der Unabhängigkeit 1960 gab es im Kongo keinen friedlichen Machtwechsel. Zugang zur politischen Macht bedeutet Zugang zu den Ressourcen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt, dass der Familienclan des aktuellen Staatschefs Joseph Kabila Anteile an mindestens 70 Firmen und mehr als 120 Lizenzen zum Abbau von Bodenschätzen hält. Das Vermögen von Joseph Kabila wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. EU und USA haben gegen hochrangige Mitglieder der Regierung Kabila Sanktionen verhängt. Durch die Misswirtschaft und Korruption liegt das derzeitig Bruttoinlandsprodukt unter demjenigen von 1958. Rund zwei Drittel der Kongolesen sind jünger als 25 Jahre. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mindestens 60 Prozent. Allein Deutschland unterstützt das Land jährlich mit durchschnittlich 233 Millionen Euro.

Dabei wäre der Kongo ein Land mit großem Wohlstandspotential. Beispielsweise über die Hälfte des Kobalts auf der Welt kommt aus der Demokratischen Republik Kongo: 66.000 Tonnen von weltweit 123.000 im Jahr 2016. Ohne Kobalt, ein Beiprodukt von Kupfer, gibt es keine Batterien für Computer oder Elektroautos. Kongos Kobalt, gefördert in der Südregion Katanga, geht zu 90 Prozent nach China. Der Abbau wird vom Staat kontrolliert. Und dieser ignoriert, dass der Bergbau in Mutanda, einem Tagebaukomplex in der Nähe der Stadt Kolwezi, die Flüsse verseucht und dass die Lebensbedingungen in den Bergbaustädten Katangas miserabel sind. Das silbrig-graue Metall Kobalt wird hauptsächlich in Lithium-Ionen-Batterien eingesetzt. Kobalt ermöglicht ein schnelles Aufladen von Batterien und schafft gleichzeitig eine hohe Energiedichte. Tesla benötigt für seine neuesten Modelle etwa 12 kg pro Auto. Mobiltelefon-Unternehmen benötigen Kobalt für ihre Batterien. Auch in der Glas- und Keramik-Industrie, bei der Stahlerzeugung, beim Korrosionsschutz, für Katalysatoren, in der Landwirtschaft und in der Medizin ist Kobalt unersetzlich. Die Nachfrage ist weitaus höher als die Liefermöglichkeiten. Experten von Macquarie Research schätzen das Kobalt-Defizit bis 2020 auf über 5.340 Tonnen. Der Preis für eine Tonne hat sich innerhalb von zwei Jahren auf 75.000 USD verdreifacht. Der Grund für das Angebotsdefizit liegt in der DR Kongo. Da unter den 140.000 Arbeitern etwa 40.000 Kinder in den Minen arbeiten, die ohne Rücksicht auf Gesundheit das Produkt manuell aus dem Boden holen, verweigern viele Unternehmen aus ethischen Gründen den Kauf des Metalls aus dem Kongo. Sie weichen auf andere Länder wie China, Kanada, Russland und Australien aus.

Francois-Xavier Maroy Rusengo ist seit 2006 Erzbischof von Bukavu im Osten Kongos. (Er hat schon mehrere Attentate überlebt. Seine drei Vorgänger sind tot.) In einem Interview mit der F.A.Z. (7. Juni 2017, S. 6) zum Krieg um die Bodenschätze im Kongo sagte er: „Die Rohstoffe sind ein großes Unglück…. Wenn die Regierung noch nicht einmal das gesamte Territorium Kongos kontrollieren kann, gibt es natürlich keinen fairen Handel….. Obwohl wir so reich an Rohstoffen sind, sind wir eines der ärmsten Länder der Welt…..Wir haben neun Nachbarländer – deshalb brauchen wir dringend geschützte Grenzen, über die Rebellen nicht ausführen können, was sie wollen…. Es gibt über vierzig verschiedene Gruppen – sie sind alle afrikanisch, sie sind alle schwarz, aber darüber hinaus ist es schwierig, sie genau zu benennen…. Die Rebellen wollen nicht, dass wir in Frieden leben. Denn das widerspricht ihren Interessen.“

Kongo hat mehr als sechs Mal den Namen geändert: Internationale Vereinigung des Kongo, Studienkomitee des Oberen Kongo, Unabhängiger Staat Kongo, Belgischer Kongo, Republik Kongo, Republik Zaïre, Kongo-Léopoldville, Demokratische Republik Kongo, mitunter Kongo-Kinshasa, oder auch Kongo-Zaïre…

Von 1885 bis 1960 war der Kongo belgische Kolonie. König Leopold II. beanspruchte das Land, das so groß wie Westeuropa ist, bis 1908 als Privatbesitz. Nach 1960 gab es nie einen funktionierenden Staat und Vertrauen in staatliche Institutionen oder Parteien. Millionen von Kongolesen starben zwischen 1996 und 2003 bei Bürgerkriegen und Konflikten. Diktator Mobuto Sese Seko regierte 32 Jahre das Land, ehe er 1997 von Laurent-Désiré Kabila gestürzt wurde. Nach Kabilas Ermordung 2001 durch einen Leibwächter übernahm sein damals 29-jähriger Sohn Joseph Kabila das Amt des Präsidenten. Joseph Kabilas reguläre Amtszeit endete laut Verfassung im Dezember 2016. Er weigerte sich jedoch, Neuwahlen anzuberaumen. Er hat eine dritte Amtszeit angestrebt, obwohl die Verfassung das nicht zulässt. Nach wochenlangen blutigen Unruhen wurde unter Leitung der im Kongo sehr einflussreichen katholischen Kirche ein Kompromiss erzielt, nachdem Kabila Ende 2017 sein Präsidentenamt aufgeben sollte. Der Einigung zufolge sollte eine Übergangsregierung eingesetzt werden. Es fehlt offenbar am ernsthaften politischen Willen Kabilas, die Wahlen durchzuführen. Immer wieder wurden sie verschoben und sind jetzt für Dezember 2018 geplant. Als Übergangskandidat wird von der Opposition Dr. Denis Mukwege genannt. Er ist Direktor des Panzi-Krankenhauses in Bukavu. Als Gynäkologe versucht er seit 1999 mit zwölf weiteren Ärzten, vergewaltigte Frauen zu retten. 2014 wurde er mit dem Sacharow Menschenrechtspreis des EU Parlaments ausgezeichnet.

26.555 Kongolesen leben in Belgien und 4.500 Belgier im Kongo. Belgien ist der wichtigste europäische Handelspartner des Kongo. 1.300 Firmen exportieren jährlich Waren im Wert von 428 Millionen Euro in den Kongo. Der Kongo liefert Waren im Wert von 262,1 Millionen nach Belgien. Der belgische König Albert II. hat den Kongo nur einmal, 2010 anlässlich der Feier zum 50jährigen Jubiläum, besucht. Sein Sohn Philippe noch nicht, zumal die Zustimmung der belgischen Regierung derzeit fraglich scheint. Alexander De Croo, Vizepremierminister in Belgien, erklärte Mitte September 2017: „Der Kongo ist kein Staat, sondern ein System zur persönlichen Bereicherung.“

When things get tough women get tougher

Von Volker Seitz.

Die Schweizer Journalisten Barbara Achermann hat einige Länder in Afrika bereist. Soeben hat sie ein rundum lesenswertes Buch („Frauenwunderland“, Reclam 2018) über die atemberaubende Erfolgsgeschichte von Ruanda veröffentlicht. Ruanda in Ostafrika gehörte bis 1994 zu den ärmsten Ländern der Welt. Der größte Erfolg, den Ruanda seither erzielt hat, ist die Reduktion der Massenarmut, schreibt Achermann. Zwischen 2006 und 2012 wurden etwa eine Million Menschen von der Armut befreit. Es ist eine der schnellsten Entwicklungen weltweit. Achermann zitiert den Oxford-Wirtschaftsprofessor Paul Collier: „Für die ärmsten  Menschen  auf der Welt ist es nicht zwingend ein Vorteil, in einer Demokratie zu leben. Manchmal erreicht eine Autokratie eine schnelle Reduktion der Massenarmut, manchmal eine Demokratie. Länder sind sehr unterschiedlich. Wir haben gelernt, dass Demokratie keine universelle Lösung ist… Kagame etablierte eine vorbildliche Leistungskultur in den Behörden.“ Paul Kagame, der Präsident Ruandas, wird von westlichen Beobachtern gerne als „umstritten“ bezeichnet. Aber die positiven Resultate seiner Politik zieht kaum jemand in Zweifel. Ruanda hat sich unter seiner Führung in den vergangenen zwei Jahrzehnten schneller entwickelt als jedes andere afrikanische Land. Oft hört Achermann, dass ohne Kagames klare Linie und seine feste Hand sich das Land nicht so rasch entwickelt hätte. Es sei ein Handel, den viele bewusst eingehen: wirtschaftliche Entwicklung gegen politische Freiheit. Leute, die den Präsidenten ablehnen, seien schwerer zu finden als solche, die ihn feiern.

Bei dem Völkermord (1994) in Ruanda wurden bis zu einer Million Menschen umgebracht. Zum Ende des hunderttägigen Gemetzels  waren etwa siebzig Prozent der Bevölkerung weiblich. Die Frauen mussten Führungsrollen übernehmen. Neun Jahre nach dem Völkermord wurden Frauen durch die Regierung Kagame nicht nur vor dem Gesetz vollkommen gleichberechtigt. Ihr Potential, das über Generationen brach lag, wurde endlich genutzt. Die positive Entwicklung ist vor allem das Werk der Frauen Ruandas. Sie haben das Land wirtschaftlich vorangebracht und zur Versöhnung zwischen Tutsi und Hutu beigetragen. Offiziell ist es heute in Ruanda verboten, von Hutu und Tutsi zu sprechen. Alle sind schlicht und einfach Ruander.

In Ruanda werden Frauen motiviert, unabhängig zu leben. Seit 2008 sind die Frauen im Parlament in der Mehrheit (heute sind es 64 %). Sie setzten zahlreiche Neuerungen durch, von denen Frauen profitierten: Lohngleichheit, eine dreimonatige Mutterschaftsversicherung, Mindestalter von 21 Jahren für die Eheschließung oder die Legalisierung von Abtreibungen.  Der Erfolg des Landes ist sehr eng mit Ruandas Frauen verbunden. Ihre Lebenseinstellung: bejahend und vorwärtsgewandt. Sie sind in allen Bereichen des Landes das Rückgrat des rasanten Wirtschaftswachstums des Landes, von dem eine breite Bevölkerungsschicht profitiert. Barbara Achermann schreibt über Frauen, die sich als Teil der Post-Genozid-Generation sehen. Sie traf eine alte Frau, die während des Genozids mit vermeintlicher Zauberei und List vermutlich einhundert Menschen das Leben gerettet hat, sie traf eine erfolgreiche Musikerin, eine Modeschöpferin in einer hellen, freundlichen und modernen Boutique mit zwanzig Angestellten. Dabei erfährt der Leser, dass in Ruanda „selten von der Stange gekauft wird. Die Mittel- und Oberschicht lässt einen guten Teil ihrer Garderobe maßgeschneidert anfertigen. Selbst viele arme Frauen tragen für den Sonntagsgottesdienst ein handgenähtes Kostüm, manchmal kombiniert mit einem hohen Turban aus demselben Stoff. Häufig ist ein solches Ensemble ihr wertvollster Besitz.“ Das ist bemerkenswert, denn in anderen afrikanischen Ländern müssen Modeschöpfer gegen das Vorurteil vieler Afrikanerinnen kämpfen, dass Qualität nur aus dem Ausland kommen kann. Reiche Afrikanerinnen ziehen es dort vor, französische oder italienische Marken zu kaufen. Kleinere und mittlere Unternehmen wie „Rwanda Clothing“ haben viel zu dem Wachstumstempo der vergangenen Jahre beigetragen. Für ihre noch ungeborene Tochter wünscht sich die Unternehmerin: „Der Völkermord soll für sie nichts weiter sein als ein Kapitel im Geschichtsbuch.“

Die Bandbreite der Gesprächspartnerinnen ist beindruckend. Neben den bereits genannten sprach Achermann mit einer sehr erfolgreichen IT-Unternehmerin, deren Firma für den japanischen IT-Riesen  DMM so interessant war, dass die Japaner mit ihr fusionieren wollten. Mit der Familienministern, die zielstrebig die Programme zur Familienplanung überwacht, weil der Geburtenüberschuss eines der größten Probleme des Landes ist. Mit einer Rückkehrerin, die in Paris einen gut bezahlten Job aufgab, um in Ruanda heute Wasserkraftwerke zu bauen. Mit der Leiterin des „Rwanda Development Board“ mit einem Harvard-Abschluss, deren Aufgabe es ist, die Wirtschaft anzukurbeln. (Heute liegt Ruanda im „Ease-of-Doing-Business-Index“ der Weltbank vor Belgien und Italien.) Und sie sprach mit einer ehemaligen Prostituierten, die heute eine angesehene Schuhmacherin ist, und mit einer Radiomoderatorin, die den Orgasmus feiert.

Dieses großartige Buch kann ich nur empfehlen: Man erfährt viel über Ruanda. In den Flüchtlingsbooten, die übers Mittelmeer nach Europa kommen, sitzen keine Ruander. Sie fliegen mit dem Flugzeug in die entgegengesetzte Richtung. Die Rückkehrer bringen Kapital, Wissen und Innovation mit. 3,5 Millionen Menschen sind seit dem Genozid zurückgekehrt. Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Ruanda entspricht ganz und gar nicht dem Klischee des hoffnungslosen Kontinents. Es wurde zu einem Vorzeigebeispiel für ein Land in Afrika, das vorankommt, ein rarer Lichtblick.

Ein Sprichwort in Ruanda sagt: „When things get tough, women get tougher.“

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Das Buch ist beim Verlag vergriffen. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wird im September 2018 bei dtv erscheinen. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika.

 

Da ist kein Geiz in Afrika

Reich sein in Afrika heißt abgeben: der Familie, dem Clan, denen, die einem geholfen haben, nach oben zu kommen. Aliko Dangote, der reichste Mann Afrikas, schenkte anlässlich der Hochzeit seiner Tochter jedem Gast eine Rolex. Der Nigerianer ist Geschäftsmann – und Philanthrop. Reichtum sei ein Gottesgeschenk, heißt es. Jederzeit, und davor hat man Angst, kann er einem wieder genommen werden. Mamadou Bamba Ndiaye, Berater des ehemaligen senegalesischen Präsidenten Abdoulaye Wade, sagt: „Alles steht meistens, wenn nicht immer, auf tönernen Füßen. Jemand kann sehr reich sein – und wenn er stirbt, fällt alles in sich zusammen.“ Reichtum hält nicht lange an. Wie gewonnen, so zerronnen. Amadou Hampâté Bâ zitiert ein altes Sprichwort: „Ein Vermögen ist nicht mehr wert als ein Nasenbluten. Es taucht grundlos auf und verschwindet ebenso.“ (Bâ, Jäger des Wortes, Wuppertal 1993, S. 423). Das Abgeben funktioniert in den meisten Gesellschaftsschichten ähnlich: Der Patron versorgt die weitverzweigte Familie, der Geschäftsmann beschenkt Politiker und einflussreiche Menschen, Abgeordnete geben an ihre Verwandtschaft und an ihren Wahlkreis ab. Minister müssen ihren Clan zufriedenstellen: „Bringing home the porc“. Präsidenten, die sich bereichern, werden dagegen kaum kritisiert, was vor allem dem Respekt vor dem Alter geschuldet ist – und vor der Macht. Macht wird in Afrika selten infrage gestellt. Macht legitimiert sich quasi durch sich selbst.

Your money is your ruin. Wer einen einträglichen Job hat, geht zur Arbeit, und unter Umständen sitzt währenddessen der Clan in der Stadt-Wohnung vor mehreren TV-Geräten und bedient sich aus zwei gut gefüllten Kühlschränken. Ein Kioskbesitzer in Abidjan, Côte d’Ivoire, wird den ganzen Tag von Leuten angepumpt. Am Ende des Monats hat er zwar gegessen, aber keinen Cent übrig. – Wie alle, die ihn angepumpt haben und nicht gearbeitet. Der Kioskbesitzer hat zwei Schilder aufgehängt: Die Hölle, das sind die anderen. Und: Der Mensch ist nichts ohne den Menschen. Das ist das Dilemma in afrikanischen Gesellschaften: die Pflicht zu teilen und die Unmöglichkeit zu sparen (David Signer, Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt, Wuppertal 2004, S. 13). In Afrika ist der Faule der Schlaue. Denn sowohl der Faule als auch der Fleißige bringen es zu nichts, nur hat der Faule das leichtere Leben.

Afrikaner, die nach Deutschland kommen, stellen fest: Die Deutschen sind geizig. In einem Fall hatte sich ein Afrikaner von einem Deutschen zwei Euro „geliehen“, um sich etwas zu essen zu kaufen – und musste sie zurückzahlen! In Afrika ist es üblich, dass man jederzeit zum Essen kommen kann. Egal, ob die Gastgeber darauf vorbereitet sind oder nicht, stets gibt es reichlich zu essen, und immer wird geteilt. Afrikaner, die länger in Deutschland sind, hören von ihren Landsleuten oft, sie seien auch geizig geworden. Allerdings attestieren Afrikaner den Deutschen auch Ehrgeiz. Geiz, Ehrgeiz und Zeit-Geiz.

Im Vergleich mit Europa gibt es zwei große Mentalitäts-Unterschiede: In Afrika gibt es sehr viel mehr Neid – und sehr viel weniger Geiz. Mentalitäten ändern sich langsam, wie wir von den Annales-Historikern wissen. In den meisten afrikanischen Ländern konnte bislang keine Mittelklasse entstehen, konstatiert Al Imfeld: sie wurde dauernd vom Neid der Großfamilie gebremst (Al Imfeld, AgroCity – die Stadt für Afrika, Zürich 2016, S. 22). Worauf gründet die Macht der Großfamilie? Afrikaner sind Gruppenmenschen, so der Arzt und Psychiater Christoph Staewen. Staewen arbeitete ab den 1960er Jahren in Niger, Kongo und im Tschad. Er stellte Übereinstimmungen in ganz Subsahara-Afrika fest, was die Einstellung der Frauen (oder der ganzen Gesellschaft) zur Frage der Fruchtbarkeit betrifft, die Charakteristik der frühesten und frühen Kindheit, die Maximen der Erziehung, die Ordnung der Sippenhierarchie und die große Bedeutung der Vorstellung magischer Kräfte (Staewen, Zusammenarbeit mit Afrikanern, Neuauflage Augsburg 2009, S. 29). Staewen erklärt, in ganz Afrika entstünden gruppenabhängige und gruppenangepasste Menschen. Ein vollständiges Angewiesensein auf die Gruppe würde so erreicht: „zunächst die totale Verwöhnung bis zur Unfähigkeit, das Leben aus eigener Kraft bewältigen zu können, dann das Abhängigmachen jeder weiteren Zuwendung von völliger Unterwerfung“. Widersetzt sich ein Kind im Alter von fünf oder sechs Jahren der Sippenordnung, hat es schwere Strafen zu gewärtigen. Schläge, oder es muss einen viel zu schweren Stein halten. Nur eine Strafe wird niemals angewendet: Essensentzug.

Die Sippe sorgt für alles und ist die „zweite Seele“ für jeden einzelnen. „Die Sippe ist das Leben aller mit allen und für alle.“ (Staewen, S. 90) Die Zugehörigkeitsform Familie steht der Individualisierung entgegen. Sie fordert Gehorsam. Zwar ist für jeden gesorgt, aber Eigenständigkeit, Eigenbesitz, Kreativität, Unabhängigkeit werden verunmöglicht. Geiz ist nicht geduldet, und Raffgier scheint in Afrika mit dem Wunsch verbunden zu sein, mit einem Nahestehenden zu teilen.

In der katholischen Lehre ist der Geiz eines der Sieben Hauptlaster, eine „Todsünde“. Etymologisch kommt er im Deutschen aus der Gier. Im 18. Jahrhundert setzte sich die Nebenbedeutung „Knauserei“ gegenüber „Habgier“ durch. Der Geizige hat Genuss durch Verzicht. Dabei würde er niemals zugeben, dass er geizig ist. Er bezeichnet sich selbst als sparsam, oder als Feind jeder Vergeudung (Volker Reinhardt, Mein Geld! Meine Seele! – Die größten Geizhälse und ihre Geschichten, München 2009). Im westlichen Kulturkreis schützt den Geizigen sein Geld vor der Vereinnahmung durch andere. Er erfindet Ausreden, um kein Geld ausgeben zu müssen, er schätzt das Alleinsein. Im Grunde ist er vielleicht ein einsamer Mensch – gewiss ist er kein Clan-, kein Gruppenmensch.

Gesellschaftlich war der Geizige auch in Europa lange Zeit geächtet – und in Afrika ist er es heute noch. Geiz hängt von Konventionen ab. An der Haltung zum Geiz lässt sich bestimmen, in welchem Grade Gesellschaften aristokratisch oder bürgerlich geprägt sind (Reinhardt, S. 28). In Afrika sind Bessergestellte zur Großzügigkeit verpflichtet. In der westlichen Welt ist der Geizige oft der materiell Erfolgreiche; Geiz ist vorbildfähig. (Ich zitiere hier extra nicht den schädlichen Werbeslogan einer Medienmarkt-Kette.) Die Grundwerte des Kapitalismus (als dem herrschenden Paradigma), die Benjamin Franklin lehrte, sind für alle Schichten in den Rang verbindlicher Normen erhoben worden. Am bekanntesten ist „Zeit ist Geld“ – was in Afrika freilich kaum einleuchtet, denn Afrikaner messen Zeit nicht in Geld, „sie sind befreundet mit der Zeit“ (Tanja Blixen).

„Ihm klebe die Hand am Hals“, das meint Geiz in Westafrika. „Wenn du verhindern willst, dass der Hund dich beißt und dir die Tollwut überträgt, wirf ihm einen Knochen vor.“ Besser also, man lässt sich schröpfen (Amadou Hampâté Bâ, Oui, mon Commandant! Wuppertal 1997). Bâ schildert die Begegnung eines Noblen mit einem Griot Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Griot hat das Recht, und macht davon Gebrauch, den Noblen stets um Geld anzufragen, unabhängig von dessen Vermögenslage. Allerdings darf er auch nur den Noblen fragen, weil dieser keiner Kaste angehört. Würde der Noble sich geizig zeigen, wäre es das Recht des Griots, ihn mit Vorwürfen zu überschütten und Schmähungen über ihn in der ganzen Stadt zu verbreiten. Das ist in weiten Teilen Afrikas heute noch so, und es ist in Afrika zudem besonders schlimm, seinen „guten Namen“ zu verlieren. Die ganze Sippe würde in Verruf geraten.

Heiraten Europäer Afrikaner, machen sie sich die Verpflichtungen, die auf sie zukommen, vorher meist nicht klar. Man heiratet eine Familie, einen Clan, ein Dorf. Oft gilt: Wenn ein Afrikaner in eine reiche weiße Familie einheiratet, wird nicht die afrikanische Familie reich; die weiße Familie wird arm. „Ihr nennt es Korruption, wir nennen es Teranga oder Ubuntu. Bei uns teilen alle, weil wir aufeinander angewiesen sind“, sagen Afrikaner.

Könnte es nicht sein, dass dieser Mentalitätsunterschied ein sehr gewichtiger Faktor für die wirtschaftliche, industrielle Entwicklung Afrikas ist? „Geiz ist der Motor des Kapitalismus“, stellt der Soziologe Wolfgang Sofsky fest – nicht Habgier. Nicht die persönliche Gewinnsucht, sondern die Angst vor dem ökonomischen Tod, der Zwang zur Akkumulation des Kapitals ist es, was antreibt. Der kluge Kaufmann greift nie das Kapital oder den Zins an, nur den Zinseszins. Der moderne westliche Kapitalismus ist vernunftgeleitet. Wichtig für seine Entstehung waren Arbeitsethos, Rationalität, Demokratisierung der Zeit und Entstehung einer Mittelschicht. Im Kapitalismus muss der Erfolg vom Individuum ausgehen.

Max Weber zitiert in der „Protestantischen Ethik“ den „Amerikamüden“ Ferdinand Kürnberger: „Aus Rindern macht man Talg, aus Menschen Geld“. Weber nennt dies die „Philosophie des Geizes“. Achille Mbembe sieht hierin den Unterschied zwischen dem transatlantischen Sklavenhandel gegenüber dem innerafrikanischen Sklavenhandel: In der Neuen Welt habe man dem „Neger-Sklaven“ einen „Mehrwert“ abgepresst, etwas, das man innerafrikanisch nicht vermochte (Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Berlin 2014, S. 97).

Menschen, Dingen, dem Land einen „Mehrwert“ abzuringen ist in weiten Teilen Afrikas heute noch nicht der Fall. Subsistenzwirtschaft ist immer noch weit verbreitet. Vielleicht weil es sich gar nicht lohnt, etwas beiseite zu legen – da es ohnehin aufgezehrt würde? Oder weil es gar gefährlich ist:

Zamakwé, der Held in Mongo Betis 1999 erschienenem Roman „Sonne Liebe Tod“, der in einem fiktiven afrikanischen Land spielt, muss als kleiner Junge seiner Mutter versprechen, niemals reich zu werden. Denn wenn man reich ist, wird man vergiftet, so die Mutter. Hat jemand Erfolg, steigt auf, gewinnt materiellen Reichtum läuft er tatsächlich Gefahr, verhext zu werden. Offizielle Hexereianklagen sind inzwischen verboten. Aber die Angst vor Hexerei ist groß. Vor allem unter Leuten, die dörflich oder ärmlich aufgewachsen sind und es zu etwas gebracht haben. Sie müssen immer freundlich sein, immer abgeben. Sonst werden sie verhext: ihr „zweiter Leib“ wird ausgezehrt, und das zehrt bald auch den ersten aus: sie werden krank und sterben. Das funktioniert psychologisch oder tatsächlich. Die Betroffenen werden aus Angst krank, oder sie werden vergiftet.

Machiavelli sah ambizione und avarizia, Ehrgeiz und Geiz, als den Menschen beherrschende Grundtriebe an. Avarizia verteidigt mit Zähnen und Klauen, was ambizione erworben hat. Heute wird psychologisch zwischen gutartigem und bösartigem Neid unterschieden. Der gutartige spornt an, es durch Fleiß dem anderen, beneideten gleich zu tun. Der bösartige Neid ist zerstörerisch (Claudia Hammond, Erst denken, dann zahlen. Die Psychologie des Geldes und wie wir sie nutzen können, Stuttgart 2017, S. 304). In Afrika, muss man leider feststellen, dominiert der bösartige Neid. Ein gutartiger Neid wird womöglich gehemmt, weil es im Sippenverband untersagt ist, mit dem Vater oder dem älteren Bruder zu konkurrieren.

Der Schweizer Ethnologe David Signer (Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt, Wuppertal 2004) interpretiert den Hexereiglauben ökonomisch vor allem als Angst vor lebensgefährlichen (!) Neidern. Man hat die sich endlos ausdehnende Familie zu unterstützen, muss sich fürchten, von einem Zukurzgekommenen verhext zu werden, und kann nie etwas auf die hohe Kante legen. Wie soll man so akkumulieren, investieren, längerfristig anlegen, planen, aufbauen? Was bedeutet dieses Sozial- und Ökonomie-System für eine kapitalistische Entwicklung, für die Modernisierung, für den Einzelnen, der es zu etwas bringen will? Signer ist für diese Fragen von gebildeten, linken Weißen angefeindet worden. Sie warfen ihm Neokolonialismus und kulturellen Neorassismus vor (Signer, S. 23). Signer sieht aber richtig: einerseits gibt es das traditionale Wertesystem: wer sich über die Gemeinschaft und die ihm zugeschriebene Position zu erheben versucht, wird bestraft, geächtet, beneidet, „verhext“. Andererseits gibt es städtisch-kapitalistische Erwartungen: Bildungserwerb, sozialer Aufstieg, politische Partizipation, Konkurrenz, Kapitalakkumulation. Psychologisch würde man von einer Double-Bind-Situation sprechen.

Eine Folge, und das ist auch Signers Erfahrung, ist, dass viele junge Afrikaner weg wollen. Man bringe es auf keinen grünen Zweig, wenn man nicht schon drauf sitze, klagen sie. On te laisse pas grandir. – Man lässt dich nicht wachsen. In Afrika darf man kein Egoist sein. Aliko Dangote, der den Ruf hat, ein ehrbarer Geschäftsmann zu sein und selbst keinen Wert auf Statussymbole zu legen, verschenkt nicht nur teure Uhren. Er unterhält die wichtigste Stiftung Afrikas, und es gibt kaum etwas Unterstützenswertes, für das er nicht bezahlt. So schützt er sich auch vor Neidern.

Neid, bösartiger Neid, und die Ächtung von Zeit-Geiz und Geld-Geiz sind hauptsächliche wirtschaftlich entwicklungshemmende Gründe in Afrika. Sie sind eine Folge des Gruppenzusammenhaltes. Aber Familienstrukturen und Mentalitäten ändern sich langsam. Da ist lange noch kein Geiz in Afrika.

 

(Der Text ist die aktualisierte, gekürzte Fassung eines Vortrags, den ich im Januar 2017 in einer privaten Akademie in München hielt.)