Da ist kein Geiz in Afrika

Reich sein in Afrika heißt abgeben: der Familie, dem Clan, denen, die einem geholfen haben, nach oben zu kommen. Aliko Dangote, der reichste Mann Afrikas, schenkte anlässlich der Hochzeit seiner Tochter jedem Gast eine Rolex. Der Nigerianer ist Geschäftsmann – und Philanthrop. Reichtum sei ein Gottesgeschenk, heißt es. Jederzeit, und davor hat man Angst, kann er einem wieder genommen werden. Mamadou Mbamba Ndiaye, Berater des ehemaligen senegalesischen Präsidenten Abdoulaye Wade, sagt: „Alles steht meistens, wenn nicht immer, auf tönernen Füßen. Jemand kann sehr reich sein – und wenn er stirbt, fällt alles in sich zusammen.“ Reichtum hält nicht lange an. Wie gewonnen, so zerronnen. Amadou Hampâté Bâ zitiert ein altes Sprichwort: „Ein Vermögen ist nicht mehr wert als ein Nasenbluten. Es taucht grundlos auf und verschwindet ebenso.“ (Bâ, Jäger des Wortes, Wuppertal 1993, S. 423). Das Abgeben funktioniert in den meisten Gesellschaftsschichten ähnlich: Der Patron versorgt die weitverzweigte Familie, der Geschäftsmann beschenkt Politiker und einflussreiche Menschen, Abgeordnete geben an ihre Verwandtschaft und an ihren Wahlkreis ab. Minister müssen ihren Clan zufriedenstellen: „Bringing home the porc“. Präsidenten, die sich bereichern, werden dagegen kaum kritisiert, was vor allem dem Respekt vor dem Alter geschuldet ist – und vor der Macht. Macht wird in Afrika selten infrage gestellt. Macht legitimiert sich quasi durch sich selbst.

Your money is your ruin. Wer einen einträglichen Job hat, geht zur Arbeit, und unter Umständen sitzt währenddessen der Clan in der Stadt-Wohnung vor mehreren TV-Geräten und bedient sich aus zwei gut gefüllten Kühlschränken. Ein Kioskbesitzer in Abidjan, Côte d’Ivoire, wird den ganzen Tag von Leuten angepumpt. Am Ende des Monats hat er zwar gegessen, aber keinen Cent übrig. – Wie alle, die ihn angepumpt haben und nicht gearbeitet. Der Kioskbesitzer hat zwei Schilder aufgehängt: Die Hölle, das sind die anderen. Und: Der Mensch ist nichts ohne den Menschen. Das ist das Dilemma in afrikanischen Gesellschaften: die Pflicht zu teilen und die Unmöglichkeit zu sparen (David Signer, Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt, Wuppertal 2004, S. 13). In Afrika ist der Faule der Schlaue. Denn sowohl der Faule als auch der Fleißige bringen es zu nichts, nur hat der Faule das leichtere Leben.

Afrikaner, die nach Deutschland kommen, stellen fest: Die Deutschen sind geizig. In einem Fall hatte sich ein Afrikaner von einem Deutschen zwei Euro „geliehen“, um sich etwas zu essen zu kaufen – und musste sie zurückzahlen! In Afrika ist es üblich, dass man jederzeit zum Essen kommen kann. Egal, ob die Gastgeber darauf vorbereitet sind oder nicht, stets gibt es reichlich zu essen, und immer wird geteilt. Afrikaner, die länger in Deutschland sind, hören von ihren Landsleuten oft, sie seien auch geizig geworden. Allerdings attestieren Afrikaner den Deutschen auch Ehrgeiz. Geiz, Ehrgeiz und Zeit-Geiz.

Im Vergleich mit Europa gibt es zwei große Mentalitäts-Unterschiede: In Afrika gibt es sehr viel mehr Neid – und sehr viel weniger Geiz. Mentalitäten ändern sich langsam, wie wir von den Annales-Historikern wissen. In den meisten afrikanischen Ländern konnte bislang keine Mittelklasse entstehen, konstatiert Al Imfeld: sie wurde dauernd vom Neid der Großfamilie gebremst (Al Imfeld, AgroCity – die Stadt für Afrika, Zürich 2016, S. 22). Worauf gründet die Macht der Großfamilie? Afrikaner sind Gruppenmenschen, so der Arzt und Psychiater Christoph Staewen. Staewen arbeitete ab den 1960er Jahren in Niger, Kongo und im Tschad. Er stellte Übereinstimmungen in ganz Subsahara-Afrika fest, was die Einstellung der Frauen (oder der ganzen Gesellschaft) zur Frage der Fruchtbarkeit betrifft, die Charakteristik der frühesten und frühen Kindheit, die Maximen der Erziehung, die Ordnung der Sippenhierarchie und die große Bedeutung der Vorstellung magischer Kräfte (Staewen, Zusammenarbeit mit Afrikanern, Neuauflage Augsburg 2009, S. 29). Staewen erklärt, in ganz Afrika entstünden gruppenabhängige und gruppenangepasste Menschen. Ein vollständiges Angewiesensein auf die Gruppe würde so erreicht: „zunächst die totale Verwöhnung bis zur Unfähigkeit, das Leben aus eigener Kraft bewältigen zu können, dann das Abhängigmachen jeder weiteren Zuwendung von völliger Unterwerfung“. Widersetzt sich ein Kind im Alter von fünf oder sechs Jahren der Sippenordnung, hat es schwere Strafen zu gewärtigen. Schläge, oder es muss einen viel zu schweren Stein halten. Nur eine Strafe wird niemals angewendet: Essensentzug.

Die Sippe sorgt für alles und ist die „zweite Seele“ für jeden einzelnen. „Die Sippe ist das Leben aller mit allen und für alle.“ (Staewen, S. 90) Die Zugehörigkeitsform Familie steht der Individualisierung entgegen. Sie fordert Gehorsam. Zwar ist für jeden gesorgt, aber Eigenständigkeit, Eigenbesitz, Kreativität, Unabhängigkeit werden verunmöglicht. Geiz ist nicht geduldet, und Raffgier scheint in Afrika mit dem Wunsch verbunden zu sein, mit einem Nahestehenden zu teilen.

In der katholischen Lehre ist der Geiz eines der Sieben Hauptlaster, eine „Todsünde“. Etymologisch kommt er im Deutschen aus der Gier. Im 18. Jahrhundert setzte sich die Nebenbedeutung „Knauserei“ gegenüber „Habgier“ durch. Der Geizige hat Genuss durch Verzicht. Dabei würde er niemals zugeben, dass er geizig ist. Er bezeichnet sich selbst als sparsam, oder als Feind jeder Vergeudung (Volker Reinhardt, Mein Geld! Meine Seele! – Die größten Geizhälse und ihre Geschichten, München 2009). Im westlichen Kulturkreis schützt den Geizigen sein Geld vor der Vereinnahmung durch andere. Er erfindet Ausreden, um kein Geld ausgeben zu müssen, er schätzt das Alleinsein. Im Grunde ist er vielleicht ein einsamer Mensch – gewiss ist er kein Clan-, kein Gruppenmensch.

Gesellschaftlich war der Geizige auch in Europa lange Zeit geächtet – und in Afrika ist er es heute noch. Geiz hängt von Konventionen ab. An der Haltung zum Geiz lässt sich bestimmen, in welchem Grade Gesellschaften aristokratisch oder bürgerlich geprägt sind (Reinhardt, S. 28). In Afrika sind Bessergestellte zur Großzügigkeit verpflichtet. In der westlichen Welt ist der Geizige oft der materiell Erfolgreiche; Geiz ist vorbildfähig. (Ich zitiere hier extra nicht den schädlichen Werbeslogan einer Medienmarkt-Kette.) Die Grundwerte des Kapitalismus (als dem herrschenden Paradigma), die Benjamin Franklin lehrte, sind für alle Schichten in den Rang verbindlicher Normen erhoben worden. Am bekanntesten ist „Zeit ist Geld“ – was in Afrika freilich kaum einleuchtet, denn Afrikaner messen Zeit nicht in Geld, „sie sind befreundet mit der Zeit“ (Tanja Blixen).

„Ihm klebe die Hand am Hals“, das meint Geiz in Westafrika. „Wenn du verhindern willst, dass der Hund dich beißt und dir die Tollwut überträgt, wirf ihm einen Knochen vor.“ Besser also, man lässt sich schröpfen (Amadou Hampâté Bâ, Oui, mon Commandant! Wuppertal 1997). Bâ schildert die Begegnung eines Noblen mit einem Griot Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Griot hat das Recht, und macht davon Gebrauch, den Noblen stets um Geld anzufragen, unabhängig von dessen Vermögenslage. Allerdings darf er auch nur den Noblen fragen, weil dieser keiner Kaste angehört. Würde der Noble sich geizig zeigen, wäre es das Recht des Griots, ihn mit Vorwürfen zu überschütten und Schmähungen über ihn in der ganzen Stadt zu verbreiten. Das ist in weiten Teilen Afrikas heute noch so, und es ist in Afrika zudem besonders schlimm, seinen „guten Namen“ zu verlieren. Die ganze Sippe würde in Verruf geraten.

Heiraten Europäer Afrikaner, machen sie sich die Verpflichtungen, die auf sie zukommen, vorher meist nicht klar. Man heiratet eine Familie, einen Clan, ein Dorf. Oft gilt: Wenn ein Afrikaner in eine reiche weiße Familie einheiratet, wird nicht die afrikanische Familie reich; die weiße Familie wird arm. „Ihr nennt es Korruption, wir nennen es Teranga oder Ubuntu. Bei uns teilen alle, weil wir aufeinander angewiesen sind“, sagen Afrikaner.

Könnte es nicht sein, dass dieser Mentalitätsunterschied ein sehr gewichtiger Faktor für die wirtschaftliche, industrielle Entwicklung Afrikas ist? „Geiz ist der Motor des Kapitalismus“, stellt der Soziologe Wolfgang Sofsky fest – nicht Habgier. Nicht die persönliche Gewinnsucht, sondern die Angst vor dem ökonomischen Tod, der Zwang zur Akkumulation des Kapitals ist es, was antreibt. Der kluge Kaufmann greift nie das Kapital oder den Zins an, nur den Zinseszins. Der moderne westliche Kapitalismus ist vernunftgeleitet. Wichtig für seine Entstehung waren Arbeitsethos, Rationalität, Demokratisierung der Zeit und Entstehung einer Mittelschicht. Im Kapitalismus muss der Erfolg vom Individuum ausgehen.

Max Weber zitiert in der „Protestantischen Ethik“ den „Amerikamüden“ Ferdinand Kürnberger: „Aus Rindern macht man Talg, aus Menschen Geld“. Weber nennt dies die „Philosophie des Geizes“. Achille Mbembe sieht hierin den Unterschied zwischen dem transatlantischen Sklavenhandel gegenüber dem innerafrikanischen Sklavenhandel: In der Neuen Welt habe man dem „Neger-Sklaven“ einen „Mehrwert“ abgepresst, etwas, das man innerafrikanisch nicht vermochte (Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Berlin 2014, S. 97).

Menschen, Dingen, dem Land einen „Mehrwert“ abzuringen ist in weiten Teilen Afrikas heute noch nicht der Fall. Subsistenzwirtschaft ist immer noch weit verbreitet. Vielleicht weil es sich gar nicht lohnt, etwas beiseite zu legen – da es ohnehin aufgezehrt würde? Oder weil es gar gefährlich ist:

Zamakwé, der Held in Mongo Betis 1999 erschienenem Roman „Sonne Liebe Tod“, der in einem fiktiven afrikanischen Land spielt, muss als kleiner Junge seiner Mutter versprechen, niemals reich zu werden. Denn wenn man reich ist, wird man vergiftet, so die Mutter. Hat jemand Erfolg, steigt auf, gewinnt materiellen Reichtum läuft er tatsächlich Gefahr, verhext zu werden. Offizielle Hexereianklagen sind inzwischen verboten. Aber die Angst vor Hexerei ist groß. Vor allem unter Leuten, die dörflich oder ärmlich aufgewachsen sind und es zu etwas gebracht haben. Sie müssen immer freundlich sein, immer abgeben. Sonst werden sie verhext: ihr „zweiter Leib“ wird ausgezehrt, und das zehrt bald auch den ersten aus: sie werden krank und sterben. Das funktioniert psychologisch oder tatsächlich. Die Betroffenen werden aus Angst krank, oder sie werden vergiftet.

Machiavelli sah ambizione und avarizia, Ehrgeiz und Geiz, als den Menschen beherrschende Grundtriebe an. Avarizia verteidigt mit Zähnen und Klauen, was ambizione erworben hat. Heute wird psychologisch zwischen gutartigem und bösartigem Neid unterschieden. Der gutartige spornt an, es durch Fleiß dem anderen, beneideten gleich zu tun. Der bösartige Neid ist zerstörerisch (Claudia Hammond, Erst denken, dann zahlen. Die Psychologie des Geldes und wie wir sie nutzen können, Stuttgart 2017, S. 304). In Afrika, muss man leider feststellen, dominiert der bösartige Neid. Ein gutartiger Neid wird womöglich gehemmt, weil es im Sippenverband untersagt ist, mit dem Vater oder dem älteren Bruder zu konkurrieren.

Der Schweizer Ethnologe David Signer (Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt, Wuppertal 2004) interpretiert den Hexereiglauben ökonomisch vor allem als Angst vor lebensgefährlichen (!) Neidern. Man hat die sich endlos ausdehnende Familie zu unterstützen, muss sich fürchten, von einem Zukurzgekommenen verhext zu werden, und kann nie etwas auf die hohe Kante legen. Wie soll man so akkumulieren, investieren, längerfristig anlegen, planen, aufbauen? Was bedeutet dieses Sozial- und Ökonomie-System für eine kapitalistische Entwicklung, für die Modernisierung, für den Einzelnen, der es zu etwas bringen will? Signer ist für diese Fragen von gebildeten, linken Weißen angefeindet worden. Sie warfen ihm Neokolonialismus und kulturellen Neorassismus vor (Signer, S. 23). Signer sieht aber richtig: einerseits gibt es das traditionale Wertesystem: wer sich über die Gemeinschaft und die ihm zugeschriebene Position zu erheben versucht, wird bestraft, geächtet, beneidet, „verhext“. Andererseits gibt es städtisch-kapitalistische Erwartungen: Bildungserwerb, sozialer Aufstieg, politische Partizipation, Konkurrenz, Kapitalakkumulation. Psychologisch würde man von einer Double-Bind-Situation sprechen.

Eine Folge, und das ist auch Signers Erfahrung, ist, dass viele junge Afrikaner weg wollen. Man bringe es auf keinen grünen Zweig, wenn man nicht schon drauf sitze, klagen sie. On te laisse pas grandir. – Man lässt dich nicht wachsen. In Afrika darf man kein Egoist sein. Aliko Dangote, der den Ruf hat, ein ehrbarer Geschäftsmann zu sein und selbst keinen Wert auf Statussymbole zu legen, verschenkt nicht nur teure Uhren. Er unterhält die wichtigste Stiftung Afrikas, und es gibt kaum etwas Unterstützenswertes, für das er nicht bezahlt. So schützt er sich auch vor Neidern.

Neid, bösartiger Neid, und die Ächtung von Zeit-Geiz und Geld-Geiz sind hauptsächliche wirtschaftlich entwicklungshemmende Gründe in Afrika. Sie sind eine Folge des Gruppenzusammenhaltes. Aber Familienstrukturen und Mentalitäten ändern sich langsam. Da ist lange noch kein Geiz in Afrika.

 

(Der Text ist die aktualisierte, gekürzte Fassung eines Vortrags, den ich im Januar 2017 in einer privaten Akademie in München hielt.)