Maggi und Nescafé

Nirgends esse ich so gut wie „in Afrika“. Aromen sonnenverwöhnter Früchte, prächtiges Gemüse, fangfrischer Fisch und in Simbabwe das beste Beef der Welt. Beim Kochen lässt man sich Zeit, was insbesondere in Soßen zu schmecken ist, die lange über dem Kohlenfeuer geköchelt wurden. Das „Ndolè“ in Kamerun gehört zu meinen Leibspeisen. Was mich allerdings entsetzt, geschult an der Bio-Bewegung in Deutschland ab den 1980er Jahren, ist die andauernde Verwendung von Maggi. Kaum ein Gericht in Afrika kommt ohne das Würzmittel aus. Maggi gehört, so die Meinung vieler Afrikaner, in mein kamerunisches „Ndolè“, in die „Sauce graine“ der Côte d’Ivoire oder ins senegalesische „Tiéboudienne“. Bis zu 100 Millionen Maggi-Würfel verkauft Nestlé nach eigenen Angaben allein in Westafrika – täglich. Im Werbe-Fernsehen taucht eine propere städtische Familie auf: Maman serviert in der hübschen Einbauküche zwei oder drei wohlerzogenen Kindern – und Papa – ein dampfendes Gericht: „Maggi – le secret de la bonne cuisine“ („Maggi – das Geheimnis der guten Küche“)! Im Senegal heißt Maggi „corrige Madame“, soll heißen, dass die Würze Madames Kochkünste verbessert. Jeder Markt in Westafrika hat ein Namensschild – gesponsert und in den gelb-roten Farben von Maggi. Der überdimensionale Brühwürfel lässt den Markt-Namen klein aussehen. Weil es bis ins letzte Dorf zu finden ist, glauben viele Afrikaner, Maggi sei ein afrikanisches Produkt. Die Geschmacksrichtungen variieren regional: Rind-, Huhn-, Krabben-Geschmack, scharf usw. Seit 90 Jahren ist der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé in Afrika präsent, seit 1959 verkauft er dort Maggi-Würfel. Mit Afrika-Sitz in Nairobi hat Nestlé auf dem Kontinent 27 Fabriken und zahlreiche Verteilungs- und Verwaltungszentren und beschäftigt 11.500 Angestellte. Seit einigen Jahren werden „Maggi-Cubes“ in afrikanischen Ländern produziert, so in Yopougon (Côte d’Ivoire), Dakar (Senegal), Douala (Kamerun), Koumalim (Mali) sowie Flowergate und Agbara (Nigeria). Die Brühwürfel bestehen aus Salz, Würze und Geschmacksverstärkern: Glutamat und Inosinat. 100 Jahre nach der Markteinführung in Europa will Nestlé die Rezeptur verändern. Zucker und Salz sollen nach und nach reduziert werden. In Ländern mit Mangelernährung ist vorgesehen, Vitamin A, Eisen oder Jod zuzusetzen. Außerdem soll das Würzmittel mehr Gemüse enthalten und stärker nach Kräutern und Gewürzen schmecken. Inzwischen hat Maggi afrikanische Konkurrenz bekommen. Andere Bouillon-Marken tragen Namen wie Joker, Jumbo, Doli, Mami, Mimido, Tak, Tem Tem, Sossa. Im Senegal ist die Herstellung von Brüh- und Suppen-Würfeln zu einem großen Wirtschaftszweig geworden.

Nicht nur Maggi schlägt mir auf den Magen. In Afrika trinke ich Nescafé. (In Deutschland kaufe ich natürlich Filterkaffee mit Transfair-Siegel.) Ob in West-, Zentral- oder im südlichen Afrika, ob privat, beim Hotel-Frühstück oder im Restaurant, es gibt fast ausschließlich Nescafé. Häufig in großen Städten zu sehen sind zudem mobile Buden: ein Tank mit heißem Wasser auf Rädern, ein Sonnenschirm, eine Halterung für die Plastikbecher – und Nescafé-Pulver. Auch auf dem Land wird Kaffee als Nescafé konsumiert, muss damit importiert werden und kostet Geld – wo hier doch überwiegend Tausch-Wirtschaft herrscht und es so gut wie keine Verdienstmöglichkeiten gibt. Die meisten Menschen in afrikanischen Ländern kaufen Nescafé in Portionsröhrchen, wie sie auch die Brühwürfel oder Zigaretten für ein paar Groschen einzeln kaufen. Für eine Packung fehlt ihnen das Geld. Eigentlich alles wird in Tagesrationen angeboten, auch Waschpulver, das von der Marktfrau in kleine Tüten gefüllt wird. Nescafé gibt es in kleinen und mittleren Dosen und eben den Portionsröhrchen. Wie beim Maggi-Würfel zielen die Konzerne in der Masse auch auf die ganz arme Bevölkerung. Werbung und geschicktes Marketing suggerieren, mit Nescafé und Maggi könne man seinem Leben Würze verleihen. Absurd, da in allen afrikanischen Ländern aromatische Kräuter gedeihen, und in vielen Gebieten Kaffee wachsen könnte. In Togo habe ich eine kleine, von weißen Mönchen geleitete Kooperative besucht, die Bohnenkaffee produziert – kaufen tun ihn vorwiegend Weiße. Im Senegal gibt es allerdings eine Spezialität: „Café Touba“, ursprünglich aus der Stadt Touba. Verfeinert mit Guinea Pfeffer und Nelken, sehr süß und sehr heiß, wird er am Straßenrand angeboten, und die Senegalesen lachen über meinen Scherz, dass ich „Café Touba“ dem „Café Toubab“ vorziehe (Toubab ist in Wolof die Bezeichnung für Weiße). In Dakar, im Stadtteil Mamelles, und in Johannesburg gibt es „Starbuck“-Filialen, in Ruanda „Bourbon Café“, die dortige Variante der Kaffee-Kette. Eine eigene Kaffeekultur hat Äthiopien. Hoffentlich setzt sie sich Kontinent-weit durch. Und hoffentlich auch eine Küche ohne Maggi und ohne Geschmacksverstärker. Die hat sie nämlich wirklich nicht nötig.